Braucht man 2026 noch Anleihen im Depot?

Nach der Zinswende zahlen Anleihen wieder. Für unter 40-Jährige bleiben sie teurer Renditeverzicht; ihr Job ist Sequenzrisiko-Dämmung, nicht Rendite.

Zwei Jahre lang war die gängigste Antwort auf die Anleihen-Frage einhellig: „Nie wieder.” Langlaufende Staatsanleihen-ETFs hatten 2022 zweistellig verloren, das klassische 60/40-Portfolio eines der schlechtesten Jahre seit Jahrzehnten hingelegt, und das Narrativ „Anleihen dämpfen Aktienkrisen” lag in Trümmern. Jetzt, wo die EZB wieder positive Leitzinsen hat und ein €STR-Geldmarkt-ETF rund 2,25 % liefert, kehrt die Gegenbewegung zurück: „Bonds sind zurück, jetzt wieder Beimischen.”

Beide Antworten stellen die falsche Frage. „Braucht man Anleihen?” lässt sich nicht pauschal beantworten, weil Anleihen in verschiedenen Lebensphasen komplett unterschiedliche Jobs erledigen. Die richtige Frage lautet: Welchen Job sollen Anleihen in deinem Depot übernehmen, und bezahlt dieser Job die Opportunitätskosten?

Die Kurzfassung der Antwort:

  • In der Ansparphase mit 20+ Jahren Horizont sind Anleihen eine teure Versicherung gegen ein Risiko, das dir in dieser Phase eher nützt als schadet. Wer unter 40 ist und durchhält, verschenkt mit jedem Prozentpunkt Anleihequote langfristig Endkapital.
  • In der Entnahmephase sind sie keine Option, sondern die mechanische Versicherung gegen das Sequenzrisiko, aber nur in der richtigen Bauart (kurzlaufend oder Einzelanleihe mit Laufzeitgewissheit, nicht der langlaufende Aggregate-ETF).
  • Dazwischen liegt die Übergangsphase, in der Anleihen zum ersten Mal ihren Sinn bekommen. Sie ist die am häufigsten verschlafene Phase.

Was 2022 wirklich gestorben ist und was nicht

Das Jahr 2022 hat nicht die Anleihe getötet, sondern eine bestimmte Erzählung über sie: dass Staatsanleihen automatisch steigen, wenn Aktien fallen. Das war nie ein Gesetz, sondern ein Regime-Effekt. Zwischen 1998 und 2022 funktionierte es, weil Inflation niedrig und die Zinsbewegung dominant war. In einem stagflationären Schock wie 2022 (hohe Inflation + gleichzeitige Zinswende) bricht genau diese Korrelation zusammen, Aktien und Anleihen fallen gleichzeitig.

Der Schaden war mechanisch bedingt wie Anleihen funktionieren. Der Mechanismus heißt Duration: Steigt das Marktzinsniveau um 1 Prozentpunkt, fällt ein Anleihen-ETF mit Duration 8 um etwa 8 %. 2022 stiegen die Renditen um rund 3,5 Punkte. Dauer mal Zinsanstieg: 20 bis 28 % Verlust für langlaufende Staatsanleihen-ETFs. Nicht Kreditrisiko, nicht Ausfall, sondern recht triviale Mathematik.

Was 2022 passiert istWas es bedeutetWas es NICHT bedeutet
Langlaufende Bundesanleihen-ETFs: −20 bis −28 %Duration ist ein echtes Risiko, kein Anleger-MythosAnleihen seien „gefährlich” im Sinne von kreditrisikobehaftet
60/40-Portfolio: eines der schlechtesten Jahre seit JahrzehntenDie negative Aktien-Anleihe-Korrelation ist regimeabhängigDie Diversifikationsidee sei tot
Kurzlaufende Anleihen-ETFs: −2 bis −4 %Kurze Duration dämpft den Schlag massivAlle Anleihen hätten gleich gelitten

Wer aus 2022 lernt, dass „Anleihen gefährlich” seien, lernt den falschen Satz. Der richtige Satz lautet: Duration ist ein Zinsrisiko, und Zinsrisiko ist in 2026 kein Feature, sondern eine Wette auf fallende Zinsen. Wer diese Wette nicht eingehen will, muss nicht auf Anleihen verzichten, er muss nur die Duration kurz halten.


Der eigentliche Drehpunkt: die Cashflow-Richtung

Die Frage nach Anleihen ist fast nie eine Frage nach Anleihen. Sie ist eine Frage nach deiner Cashflow-Richtung. Das wird meist übersehen, weil die Asset-Allokations-Debatte so tut, als gäbe es nur eine Phase.

PhaseCashflowWas ein Crash bedeutetJob von Anleihen
AnsparphaseEinzahlungen → DepotKaufgelegenheit, Cost-Average greiftpraktisch keiner
ÜbergangsphaseEinzahlungen enden, erste Entnahmensensitive Zone, 5 bis 10 Jahre vor RentenbeginnPuffer aufbauen
EntnahmephaseDepot → Entnahmenerzwungene Verkäufe zu TiefpreisenSequenzrisiko-Dämmung

In der Ansparphase ist ein minus 50 % Crash eine Einladung, billig nachzukaufen. In der Entnahmephase ist derselbe Crash existenzbedrohend, weil du Anteile verkaufst, die nie wieder am Aufschwung teilnehmen. Anleihen haben genau dann ihren Wert, wenn dir die zweite Spalte passiert, nicht die erste.


Phase 1: Ansparphase: warum unter 40-Jährige kaum Anleihen brauchen

Rechnen wir den Preis der „Sicherheit” durch. Illustrativ, nicht als Vorhersage: 500 € monatlich über 30 Jahre, drei Allokationen, langfristig realistische, konservative nominale Renditen (globaler Aktienmarkt historisch ~7 %, 60/40 ~5,6 %).

AllokationAngenommene Rendite p.a.Endkapital nach 30 JahrenDifferenz zu 100 % Aktien
100 % Aktien7,0 %~610.000 €0 €
80 / 206,3 %~531.000 €−79.000 €
60 / 405,6 %~465.000 €−145.000 €

Die 145.000 € sind die Versicherungsprämie für 40 % Anleihen über 30 Jahre Ansparphase. Dafür kauft man sich ein: einen kleineren Max-Drawdown, weniger schlaflose Nächte, eine glattere Kurve. Das ist legitim für jede Person, die die Volatilität emotional nicht aushält. Es ist nicht legitim als universelle Regel.

Drei Gründe, warum Anleihen in der Ansparphase für langfristige Anleger unterlegen sind:

  1. Cost-Average dreht Volatilität um. Schwankungen sind in der Ansparphase kein Schaden, sondern ein Mechanismus, der deinen Durchschnittskaufpreis tendenziell senkt, insbesondere wenn die absolute Menge der Ansparsumme nicht zu Beginn vorliegt. Wer 20 Jahre bespart, profitiert von Crashs, er leidet nicht unter ihnen. Einen Crash mit Anleihen abdämpfen zu wollen, dämpft genau diesen Effekt.
  2. Die negative Korrelation ist kein Naturgesetz. Sie war zwischen 1998 und 2022 ein Regime-Geschenk niedriger Inflation. Wer Anleihen als „automatischen Aktien-Crash-Puffer” kauft, kauft eine Versicherung, die genau in dem Szenario nicht greift, das 2022 gezeigt hat.
  3. Die Versicherung kostet auch dann, wenn sie nicht auslöst. 30 Jahre lang jedes Jahr 0,7 bis 1,4 Prozentpunkte weniger Rendite sind kein Nebenkostenposten, sondern der größte Hebel im Portfolio: Die Asset-Allokation erklärt rund 90 % der Renditeschwankung eines Portfolios über die Zeit, nicht der ETF-Mix darin.

Phase 2: Übergangsphase, die verschlafene Zone

Fünf bis zehn Jahre vor dem geplanten Entnahmebeginn kippt die Logik. Jetzt wird aus der Kaufgelegenheit ein Bedrohungsszenario, denn das Depot ist groß, die verbleibende Ansparzeit kurz, und ein Crash kurz vor Rentenbeginn trifft eine große Kapitalbasis ohne Zeit zur Erholung. Genau hier beginnt der sinnvolle Einsatz von Anleihen, und genau hier tun die meisten Anleger nichts, weil sie die Phase nicht als eigene Phase erkennen.

Der Übergang ist nicht unbedingt schwarz/weiß, sondern eher eine Art Gleitschiene. Statt das Depot an einem Stichtag von 90 % Aktien auf 50 % umzuschichten, wird die Aktienquote über mehrere Jahre schrittweise reduziert und ein kurzlaufender Anleihen- oder Geldmarkt-Baustein aufgebaut. Die Bucket-Strategie aus dem Entnahme-Artikel beginnt hier, nicht erst in der Rente.

Was in dieser Phase richtig ist:

  • Kurzlaufende Anleihen-ETFs (Duration 1 bis 3) oder Geldmarkt-ETFs als Puffer, nicht langlaufende Aggregate-ETFs. Wer 2022 Duration 8 gehalten hat, hat im schlechtesten Moment genau den Puffer verloren, den er brauchte.
  • Einzelanleihen mit passender Laufzeit statt ETF, wenn ein konkreter Auszahlungszeitpunkt bekannt ist („in 7 Jahren wird das Geld gebraucht”). Einzelanleihen bieten Laufzeitgewissheit: Rückzahlung zum Nennwert am Fälligkeitsdatum, unabhängig vom Zinsniveau zwischendrin. Wer diesen Effekt systematisch über mehrere Anleihen mit gestaffelten Laufzeiten nutzt, betreibt Duration-Matching. Der ETF bietet das nicht.
  • Festgeldtreppen als dritte Option, die ohne jedes Kursrisiko auskommt, dafür mit Einlagensicherungs-Obergrenze und opportunitätsanfälligem Hopping-Aufwand.

Phase 3: Entnahmephase, wo Anleihen ihren Job verdienen

In der Entnahmephase kehrt sich die Kosten-Nutzen-Rechnung um. Jetzt ist ein Crash nicht mehr Kaufgelegenheit, sondern existenzbedrohlich, weil die Entnahme Anteile zu Tiefpreisen abgibt, die nie wieder zurückkommen. Die 4-Prozent-Regel scheitert nicht an mangelnder Durchschnittsrendite, sondern am Sequenzrisiko: ein schwerer Crash in den ersten 10 Entnahmejahren senkt die 40-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit des Portfolios historisch von rund 94 % auf etwa 72 % (Kitces 2015, „Resolving the Paradox of Safe Withdrawal Rates”).

Hier leisten Anleihen genau den Dienst, für den sie gebaut sind: Sie stellen Liquidität bereit, aus der in Crash-Jahren entnommen wird, damit der Aktien-Topf unangetastet bleibt und sich erholen kann. Das ist die Bucket-Strategie, und sie funktioniert, aber nur mit dem richtigen Baustein.

Baustein in der EntnahmephaseGeeignet?Warum
Kurzlaufender Anleihen-ETF (Duration 1–3)jageringes Zinsrisiko, stabil in Crashs, lieferbar
Geldmarkt-ETF auf €STRjapraktisch kein Kursrisiko, ~2,25 % laufend
Einzelanleihen mit Laufzeit bis zum Entnahmezeitpunktja (am genauesten)Laufzeitgewissheit, kein Verkauf nötig
Festgeldtreppenja (bis Einlagensicherungsgrenze)null Kursrisiko, aber Verwaltungsaufwand
Langlaufender Aggregate-Anleihen-ETF (Duration 7+)neinkann im Crash selbst zweistellig verlieren, dämpft dann nichts
Hochzins- oder Unternehmensanleihen-ETFneinin Krisen stark mit Aktien korreliert, kein Puffer

Die Pointe: In der Entnahmephase ist nicht die Anleihe das Problem, sondern die falsche Anleihe. Ein langlaufender Staatsanleihen-ETF, der 2022 −25 % verlor, ist in einem Aktien-Crash kein Puffer, sondern ein zweiter Crash. Wer „Anleihen” als Puffer kauft, ohne auf die Duration zu schauen, baut sich eine Versicherung, die im Ernstfall gleichzeitig auslöst und kaputtgeht.


Was „sicher” 2026 überhaupt heißt, und warum Duration ein Risiko ist, kein Feature

Die aktuelle Zinslage (EZB-Leitzins positiv, €STR bei etwa 2,25 %) verführt zu einem weiteren Fehlschluss: „Jetzt wo Anleihen wieder zahlen, lohnen sie sich wieder als Renditebaustein.” Das stimmt für den Cash-Puffer, nicht für die langlaufende Anleihe als Portfolio-Baustein.

Der Grund: Was du heute an laufendem Kupon bekommst, ist nicht dasselbe wie das, was du in drei Jahren hast. Eine 10-jährige Bundesanleihe mit 2,5 % Kupon und Duration 8 ist eine Wette darauf, dass die Zinsen nicht weiter steigen. Steigen sie um 1 Prozentpunkt, bist du −8 % im Kurs, und brauchst Jahre, bis der Kupon das aufgefressen hat. Das ist kein sicheres Investment, sondern ein synthetisches Short auf das Zinsniveau.

Wer 2026 „sicher” anlegen will, hat vier ehrliche Optionen mit sehr unterschiedlichem Profil:

BausteinRendite Juni 2026 (brutto)KursrisikoVerfügbarkeitPlanbarkeit
Tagesgeld2,0–4 %keinetäglichhoch (bis 100.000 €/Bank)
Festgeld2,7–2,9 % (12 M)keineam Laufzeitendehoch (Laufzeitgewissheit)
Geldmarkt-ETF (€STR)~2,25 %praktisch keinebörsentäglichhoch (marktnah)
Kurzlaufender Anleihen-ETF (Duration 1–2)~2,8 %geringbörsentäglichmittel
Langlaufender Anleihen-ETF (Duration 7+)~3,0 %hochbörsentäglichniedrig (zinsabhängig)

Für den Cash-Baustein in jeder Phase sind Tagesgeld, Festgeld und Geldmarkt-ETF 2026 die besseren „Anleihen” als die meisten Anleihen-ETFs. Sie liefern vergleichbaren oder höheren Ertrag bei weniger oder null Kursrisiko. Der langlaufende ETF ist nur dann überlegen, wenn du explizit auf fallende Zinsen wettest, und das ist Spekulation, nicht Sicherheit.


Was bedeutet das konkret?

Die Entscheidung hängt an einer einzigen Variable: wie viele Jahre bis du vom Besparen ins Entnehmen kippst. Alles andere, also aktuelle Zinshöhe, Zinsprognose, Zinsänderungsrisiko, „Anleihen sind zurück”, ist Journalismus, nicht Anlageentscheidung.

Deine SituationEmpfehlungBegründung
Unter 40, 20+ Jahre bis Entnahme, durchhaltefähig0–10 % Anleihen, am besten Geldmarkt-ETF oder KurzläuferVersicherung ist teuer gegen ein Risiko, das dir nützt
Unter 40, aber bei −40 % Depot verkaufen würdest20–30 %, Kurzläufer oder Geldmarkt-ETFVersicherung gegen dich selbst ist billig
40–55, Übergangsphase beginntAktienquote über Jahre gleitend reduzieren, Kurzläufer-Puffer aufbauenRisikokapazität schrumpft, Sequenzrisiko nähert sich
Ab 5 Jahren vor Entnahme2–3 Jahresentnahmen Cash/Geldmarkt + 3–10 Jahresentnahmen Kurzläufer/EinzelanleihenBucket-Struktur aufbauen, Langläufer vermeiden
In EntnahmephaseBucket-Strategie mit Cash + Kurzläufer/Einzelanleihen, Aktien-Topf unangetastet in CrashsSequenzrisiko-Dämmung ist der einzige Job der Anleihe hier

Die Konstante über alle Phasen: Vermeide langlaufende Aggregate-ETFs als „Sicherheitsbaustein”. Wer Duration kauft, kauft Zinsrisiko, und Zinsrisiko ist 2026 kein Feature, sondern eine Wette.


Was dieser Artikel nicht behauptet

Damit daraus kein neues Dogma wird, die Grenzen der Empfehlung:

  1. Keine Vorhersage. Dass Aktien langfristig Anleihen schlagen, ist eine historische Beobachtung, kein Naturgesetz. In Japan hätte ein 30-Jahres-Anleger mit einem reinen Aktienportfolio bis 2020 nicht zwingend gewonnen. Die Empfehlung stützt sich auf historische Risikoprämien, nicht auf Garantien.
  2. Keine Steueroptimierung. Verlustverrechnung aus Anleihen, steuerlicher Verlustverrechnungstopf und die genaue Entnahmereihenfolge sind im Einzelfall relevant und hier nicht durchgerechnet. Siehe steueroptimale Entnahmereihenfolge.
  3. Kein Rat für kurzfristiges Geld. Alles, was du in unter 5 Jahren brauchst, gehört in keine dieser Allokationen, sondern in Tagesgeld, Festgeld oder Geldmarkt-ETF. Siehe Notgroschen und Geldmarkt-ETF vs. Tagesgeld.
  4. Keine Empfehlung für Hochzins- oder Unternehmensanleihen-ETFs. Diese korrelieren in Krisen stark mit Aktien und bieten keinen Crash-Puffer. Ihr Profil ist „Aktien-Light mit Kreditrisiko”, nicht „sicherer Baustein”.

Quellen

  1. Duration and the Price-Yield Relationship · CFA Institute , abgerufen am 28.06.2026
  2. Global Macro Matters: The Outlook for Bonds and 60/40 Portfolios · Vanguard , abgerufen am 28.06.2026
  3. UBS Global Investment Returns Yearbook 2024 · UBS / Dimson, Marsh, Staunton , abgerufen am 28.06.2026
  4. Euro short-term rate (€STR) · Europäische Zentralbank (EZB) , abgerufen am 28.06.2026
  5. Resolving the Paradox of Safe Withdrawal Rates · Kitces.com (Michael Kitces, 2015) , abgerufen am 28.06.2026
  6. Anleihen-ETFs im Überblick (Laufzeiten, Duration, Typen) · justETF , abgerufen am 28.06.2026

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