Mechanismus

Zinsen und Anleihekurse

Warum fallen anleihekurse wenn zinsen steigen?

Zinsen und Anleihekurse: Warum sie sich gegenläufig bewegen, wie Arithmetik das erklärt, und was das für Anleihen-ETFs in deinem Portfolio bedeutet.

Anleihen und Zinsen bewegen sich gegenläufig. Das ist keine Marktlaune, sondern reine Arithmetik. Eine Anleihe zahlt einen festen Kupon. Wenn neue Anleihen höhere Zinsen zahlen, ist die alte Anleihe mit niedrigerem Kupon weniger wert. Ihr Kurs fällt so weit, bis die Gesamtrendite aus Kupon plus Kursveränderung dem neuen Marktzins entspricht. Dieses Prinzip erklärt, warum Anleihen-ETFs 2022 trotz ihrer Reputation als „sicheres” Instrument zweistellig verloren haben. Wer Anleihen für risikolos hält, weil sie nicht „Aktien” sind, verwechselt Kreditrisiko mit Zinsrisiko: Anleihen reduzieren das eine, übernehmen aber voll das andere.

Einsteiger-Block

Du hast eine 10-jährige Anleihe mit 2 % Zinskupon und 1.000 € Nennwert gekauft. Die Zentralbank erhöht den Leitzins, neue 10-jährige Anleihen zahlen jetzt 4 %. Warum sollte jemand deine 2-%-Anleihe für 1.000 € kaufen, wenn er für denselben Preis eine neue 4-%-Anleihe bekommen kann?

Er tut es nicht. Er kauft deine Anleihe nur, wenn der Preis so weit gesunken ist, dass die effektive Rendite über die Restlaufzeit dem neuen Marktzins entspricht, also ungefähr 4 %. Für eine 10-jährige Anleihe bedeutet das einen Kurssturz von etwa 16 %. Du hast die Anleihe weiterhin im Depot, du erhältst weiterhin 2 % Kupon pro Jahr, aber wenn du sie jetzt verkaufen wolltest, bekämst du nur etwa 840 €. Wer bis zur Endfälligkeit hält, erhält 1.000 € zurück und die 2 % Kupon, der Verlust ist „nur” ein Buchverlust. Wer dazwischen verkauft, realisiert ihn.

Jährlicher Coupon

30 €

Auszahlung

Anleihe-Kurs

980 €

Discounted

Rendite (YTM)

3.5%

Bei Kauf

Kernprinzip: Wenn Marktrendite > Kupon: Anleihe fällt unter Nominal (Discount). Wenn Marktrendite < Kupon: Anleihe steigt über Nominal (Premium).

Die Formel: Barwert künftiger Cashflows

Der Kurs einer Anleihe ist der Barwert aller zukünftigen Zahlungen, also Kupons plus Rückzahlung am Ende, abgezinst mit dem aktuellen Marktzins. Steigt der Marktzins, sinkt der Barwert dieser zukünftigen Zahlungen. Mathematisch:

Kurs = Σ Kupon / (1 + r)^t + Nennwert / (1 + r)^T

Mit r als Marktzins und t als jeweiliger Jahr. Diese Beziehung ist deterministisch, nicht stimmungsabhängig: Eine Erhöhung des Marktzinses produziert mit mathematischer Notwendigkeit einen niedrigeren Kurs. Es gibt keine „Anleihen-Stimmungslage”, die das aufhebt.

Das 2022-Lehrstück: Anleihen sind nicht risikolos

2022 verloren 10-jährige US-Staatsanleihen rund 16 %, ohne dass es zu einem einzigen Kreditausfall kam. Reines Zinsrisiko, ausgelöst durch die schnellste Zinserhöhungssequenz der Federal Reserve seit 40 Jahren. Lange Anleihen (30 Jahre) verloren teilweise über 30 %.

Das widerlegt den häufigen Irrtum, Anleihen seien per se sicher und Aktien per se riskant. Anleihen haben niedrigeres Kreditrisiko, aber sie übernehmen die volle Last des Zinsrisikos. Aktien tragen höheres Gesamtrisiko, aber dieses Risiko ist transparenter und mathematisch leichter einzuordnen: Aktien fallen wegen sinkender Gewinnerwartungen oder höherer Diskontsätze, Anleihen fallen mechanisch, sobald der Marktzins steigt.

Wer 2022 ausschließlich in Anleihen investiert war, weil er sich für „abgesichert” hielt, hat das Zinsrisiko vollständig übersehen. Das ist kein hypothetisches Risiko: Es hat Anleihe-Investoren im Jahr 2022 mehr Verlust gebracht als der durchschnittliche Aktienmarkt-Drawdown im selben Jahr.

Volatilität steigt mit der Laufzeit (Duration)

RestlaufzeitKuponKursverlust bei +1 % ZinsanstiegKursverlust bei +3 % Zinsanstieg
2 Jahre2 %ca. 2 %ca. 6 %
5 Jahre2 %ca. 5 %ca. 14 %
10 Jahre2 %ca. 8 %ca. 23 %
20 Jahre2 %ca. 14 %ca. 38 %
30 Jahre2 %ca. 18 %ca. 47 %

Länger laufende Anleihen reagieren deutlich empfindlicher auf Zinsänderungen. Das Sensitivitätsmaß heißt Duration und entspricht ungefähr der gewichteten durchschnittlichen Laufzeit der Cashflows. Eine Faustregel: Die Duration einer Kuponanleihe ist etwas kürzer als ihre Laufzeit; bei einer 10-jährigen Anleihe mit 2 % Kupon liegt sie typisch bei 8,5 bis 9 Jahren.

Anleihen-ETFs: Was die Duration angibt

Anleihen-ETFs haben eine durchschnittliche Duration ihres Portfolios. Diese steht im Factsheet jedes ETFs und ist die wichtigste Risikokennzahl, noch vor TER oder Replikationsmethode:

  • Geldmarkt-ETFs: Duration unter 0,5 Jahre, minimales Zinsrisiko, Verzinsung folgt dem Tagesgeldsatz
  • Kurzläufer-Anleihen-ETFs: Duration 1 bis 3 Jahre, geringer Kursverlust bei Zinsanstieg
  • Aggregate-Bond-ETFs: Duration 6 bis 8 Jahre, signifikante Kursschwankung
  • Lange Staatsanleihen-ETFs (TLT-Typ): Duration 15 bis 20 Jahre, extreme Zinsabhängigkeit

Ein vermeintlich „defensiver” Aggregate-Bond-ETF mit Duration 7 verliert bei einem Zinsanstieg von 2 Prozentpunkten rund 14 % an Kurswert. Wer Anleihen-ETFs als Aktien-Diversifikator hält, sollte wissen, gegen welches Risiko sie schützen (Aktiencrashs ohne Inflation) und gegen welches nicht (gleichzeitiger Inflations- und Zinsschock wie 2022).

Häufige Missverständnisse

„Wenn ich bis zur Endfälligkeit halte, kann mir nichts passieren.” Stimmt nur in nominalen Euro. Bei steigenden Zinsen halte ich eine niedriger verzinste Anleihe, während neue Anleihen attraktivere Kupons bieten. Der Opportunitätskostenverlust ist real, auch wenn er nicht im Kurs sichtbar wird. Außerdem gilt das nur für Einzelanleihen: Ein Anleihen-ETF hat nie eine feste Endfälligkeit, weil er kontinuierlich auslaufende Papiere durch neue ersetzt.

„Anleihen sind ein Inflations-Hedge.” Eindeutig falsch. Anleihen mit festem Kupon verlieren in inflationären Phasen doppelt: ihr realer Wert sinkt durch Inflation, und ihr Nominalwert fällt durch die Zinsreaktion der Zentralbanken. Inflations-geschützte Anleihen (Inflation-Linked Bonds, z. B. TIPS) sind eine andere Klasse mit anderem Risikoprofil.

„Bei niedrigen Zinsen gibt es nichts mehr zu verlieren.” Auch falsch. Bei sehr niedrigen Zinsen ist das Verlustpotenzial sogar besonders groß, weil ein kleiner Anstieg in absoluten Zinspunkten prozentual eine große Veränderung darstellt. Von 0,5 % auf 1,5 % ist eine Zinserhöhung um 1 Prozentpunkt, prozentual aber eine Verdreifachung, entsprechend stark fallen Anleihekurse.

Wer das Zins-Kurs-Prinzip versteht, investiert nicht in Anleihen-ETFs, ohne zwei Fragen beantwortet zu haben: Wie hoch ist die durchschnittliche Duration des Portfolios, und was passiert mit dem Kurs bei einem Zinsanstieg von einem Prozentpunkt? Ein Anleihen-ETF mit sieben Jahren Duration verliert bei +1 % Zinsanstieg rund 7 % an Kurswert: kein Fehler des Instruments, sondern seine Mechanik. Der praktische Hebel: Anleihen sind keine homogene Anlageklasse, sondern ein Spektrum von „fast risikolos” (Geldmarktfonds, Duration unter 1) bis „hochvolatil” (lange Staatsanleihen, Duration über 15). Wer den Begriff „Anleihen-ETF” undifferenziert verwendet, blendet 90 % des relevanten Risikos aus. Vor jedem Anleihen-Kauf gehört ein Blick auf die Duration ins Factsheet, diese eine Zahl bestimmt das tatsächliche Verhalten des ETFs im nächsten Zinsschock.