Anleihe
Was ist eine anleihe?
Anleihe erklärt: Nennwert, Kupon, Laufzeit, Kurs, Rendite, Zinsrisiko und Kreditrisiko. Warum Anleihen Kredite sind und trotzdem schwanken können.
Eine Anleihe ist ein handelbarer Kredit. Der Emittent, zum Beispiel ein Staat oder ein Unternehmen, leiht sich Geld von Anlegern und verspricht dafür regelmäßige Zinszahlungen sowie die Rückzahlung des Nennwerts am Laufzeitende. Anleihen wirken planbarer als Aktien, tragen aber eigene Risiken: Zinsrisiko, Kreditrisiko, Liquiditätsrisiko und bei Fremdwährungsanleihen zusätzlich Währungsrisiko.
Einsteiger-Block
Wenn du eine Anleihe kaufst, wirst du Gläubiger statt Miteigentümer wie bei einer Aktie. Du stellst Kapital bereit und erhältst dafür vertraglich definierte Zahlungsansprüche. Der Emittent schuldet dir Zinsen, die häufig Kupon genannt werden, und am Ende der Laufzeit die Rückzahlung des Nennwerts. Bei einer Bundesanleihe ist der Emittent die Bundesrepublik Deutschland, bei einer Unternehmensanleihe ist es ein Unternehmen.
Die einfachste Anleihe hat drei zentrale Größen. Der Nennwert ist der Betrag, der am Ende zurückgezahlt wird. Der Kupon ist der Zinssatz auf diesen Nennwert. Die Laufzeit sagt, wann die Rückzahlung fällig wird. Eine Anleihe mit 1.000 Euro Nennwert, 4 % Kupon und fünf Jahren Laufzeit zahlt bei klassischer Struktur jedes Jahr 40 Euro Zinsen und am Ende 1.000 Euro zurück.
Das klingt wie Festgeld, ist aber nicht dasselbe. Eine Anleihe kann während der Laufzeit an der Börse oder außerbörslich gehandelt werden. Ihr Kurs schwankt, weil sich Marktzinsen, Bonität des Emittenten, Restlaufzeit und Nachfrage verändern. Wer bis zur Fälligkeit hält und keinen Ausfall erlebt, bekommt den Nennwert zurück. Wer vorher verkauft, bekommt den Marktpreis.
Kupon, Kurs und Rendite
Der Kupon ist nicht automatisch deine Rendite. Er sagt nur, welche Zinszahlung auf den Nennwert geleistet wird. Wenn eine Anleihe mit 1.000 Euro Nennwert und 4 % Kupon zu 1.000 Euro gekauft wird, entspricht die laufende Verzinsung ungefähr dem Kupon. Wenn dieselbe Anleihe nur 950 Euro kostet, ist die Rendite höher, weil du weiterhin 40 Euro pro Jahr erhältst und am Ende 1.000 Euro zurückbekommst.
Anleihekurse werden häufig in Prozent des Nennwerts angegeben. Ein Kurs von 98 bedeutet, dass du 980 Euro für 1.000 Euro Nennwert zahlst. Ein Kurs von 103 bedeutet, dass du 1.030 Euro zahlst. Der Kurs nähert sich bei einer nicht ausgefallenen Anleihe gegen Ende der Laufzeit dem Rückzahlungswert an, weil der Zeitpunkt der Rückzahlung näher rückt.
Die Rendite bis zur Fälligkeit fasst Kupon, Kaufpreis, Restlaufzeit und Rückzahlung zusammen. Sie ist die wichtigere Kennzahl als der Kupon, wenn du eine Anleihe am Sekundärmarkt kaufst. Ein hoher Kupon kann unattraktiv sein, wenn du die Anleihe teuer über Nennwert kaufst. Ein niedriger Kupon kann attraktiv sein, wenn der Kaufkurs weit genug gefallen ist.
Warum Anleihekurse schwanken
Der wichtigste Mechanismus ist das Zinsniveau. Wenn neue Anleihen mit höherem Kupon auf den Markt kommen, werden alte Anleihen mit niedrigerem Kupon weniger attraktiv. Ihr Kurs fällt, bis ihre Rendite wieder zum neuen Marktniveau passt. Wenn die Marktzinsen fallen, passiert das Gegenteil: Alte Anleihen mit höheren Kupons werden attraktiver, ihr Kurs steigt.
Wie stark eine Anleihe auf Zinsänderungen reagiert, hängt vor allem von ihrer Laufzeit und Zahlungsstruktur ab. Je länger das Geld gebunden ist, desto stärker wirkt eine Zinsänderung auf den heutigen Wert der künftigen Zahlungen. Diese Sensitivität wird über die Duration beschrieben. Eine kurze Anleihe schwankt meist weniger als eine lange Anleihe desselben Emittenten.
Neben dem Zinsrisiko gibt es das Kreditrisiko. Wenn die Bonität eines Unternehmens sinkt, verlangen Anleger eine höhere Rendite für das Ausfallrisiko. Der Kurs der bestehenden Anleihe fällt. Bei Staatsanleihen sehr guter Bonität ist dieses Risiko gering, bei Hochzinsanleihen oder schwachen Unternehmen kann es erheblich sein.
Staatsanleihen und Unternehmensanleihen
Staatsanleihen finanzieren öffentliche Haushalte. Bundesanleihen, US-Treasuries oder französische Staatsanleihen gelten in ihrer jeweiligen Währung als sehr sichere Schuldner, solange die Zahlungsfähigkeit des Staates nicht infrage steht. Sie können trotzdem im Kurs schwanken, wenn die Zinsen steigen oder fallen.
Unternehmensanleihen finanzieren Unternehmen. Sie bieten meist höhere Renditen als Staatsanleihen vergleichbarer Laufzeit, weil Anleger zusätzliches Ausfallrisiko übernehmen. Investment-Grade-Anleihen stammen von Emittenten mit guter Bonität. High-Yield-Anleihen stammen von schwächeren Schuldnern und verhalten sich in Krisen oft weniger wie sichere Anleihen und stärker wie riskante Unternehmenswerte.
Es gibt außerdem Pfandbriefe, inflationsindexierte Anleihen, Nachranganleihen, Wandelanleihen und viele strukturierte Varianten. Für den Einstieg ist wichtiger, die einfache Logik zu verstehen: Jede Anleihe ist ein Zahlungsversprechen. Der Wert dieses Versprechens hängt davon ab, wie sicher die Zahlungen sind und wie attraktiv sie im Vergleich zum aktuellen Marktzins wirken.
Einzelanleihe vs. Anleihen-ETF
Eine Einzelanleihe hat ein konkretes Fälligkeitsdatum. Wenn der Emittent nicht ausfällt und du bis zur Fälligkeit hältst, ist der Rückzahlungsbetrag bekannt. Kursschwankungen während der Laufzeit sind dann unangenehm, aber nicht zwingend relevant, solange du nicht verkaufen musst.
Ein Anleihen-ETF funktioniert anders. Er hält viele Anleihen und ersetzt auslaufende Papiere laufend durch neue. Dadurch hat der ETF kein festes Rückzahlungsdatum für deinen Anteil. Du bekommst beim Verkauf den Marktpreis des ETF-Anteils, nicht automatisch einen Nennwert zurück. Dafür bekommst du Diversifikation über viele Emittenten und Laufzeiten.
Dieser Unterschied ist entscheidend für die Planung. Wer in drei Jahren einen festen Betrag benötigt, kann mit passenden Einzelanleihen oder Festgeldlaufzeiten genauer planen. Wer einen diversifizierten defensiven Portfolioanteil sucht, kann mit Anleihen-ETFs einfacher arbeiten, muss aber die Duration und das Zinsrisiko verstehen.
Welche Risiken bleiben
Das erste Risiko ist der Ausfall des Emittenten. Wenn ein Unternehmen insolvent wird oder ein Staat seine Schulden restrukturiert, können Zinszahlungen ausfallen und Rückzahlungen gekürzt werden. Bonitätsratings helfen bei der Einordnung, ersetzen aber keine Garantie.
Das zweite Risiko ist der Verkauf zum falschen Zeitpunkt. Selbst sichere Anleihen können im Kurs fallen, wenn die Zinsen steigen. Wer dann verkaufen muss, realisiert einen Verlust. Dieses Risiko ist besonders groß bei langen Laufzeiten.
Das dritte Risiko ist Inflation. Eine Anleihe kann nominal pünktlich zahlen und real trotzdem Kaufkraft verlieren, wenn die Inflation höher ist als die Rendite. Inflationsindexierte Anleihen können dieses Risiko teilweise reduzieren, bringen aber eigene Bewertungsmechanismen mit.
Das vierte Risiko ist Liquidität. Manche Unternehmensanleihen werden selten gehandelt. Dann kann der Spread zwischen Kauf- und Verkaufspreis groß sein, besonders in Stressphasen. Eine Anleihe kann also theoretisch handelbar sein und praktisch trotzdem teuer zu verkaufen.
Anleihen sind eine eigene Risikokategorie und nicht die sichere Schwester der Aktie. Sie tauschen Eigentumschance gegen Zahlungsversprechen, aber dieses Versprechen hat einen Marktpreis. Wenn Zinsen steigen, fällt der Preis alter Zahlungen. Wenn Bonität sinkt, fällt das Vertrauen in die Rückzahlung. Wenn Inflation hoch bleibt, verliert die nominale Sicherheit an Wert. Eine gute Anleiheentscheidung beginnt deshalb mit drei Fragen vor dem Kupon: Wer schuldet mir Geld, wann bekomme ich es zurück, und was passiert, wenn ich vorher verkaufen muss?