Aktive ETFs vs. passive ETFs: Was der neue Boom wirklich ändert

Aktive ETFs boomen in Europa. Was sie wirklich sind, was SPIVA zeigt und nicht zeigt, und wann eine aktive Beimischung vor dem passiven Kern plausibel ist.

Seit einigen Jahren wächst eine Produktgruppe, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: ein ETF, der aktiv verwaltet wird. Der Name verbindet zwei Dinge, die viele für Gegensätze halten. Die börsengehandelte Fondshülle trifft auf die aktive Anlageentscheidung. Das macht aktive ETFs weder automatisch besser noch automatisch schlechter. Entscheidend sind der Prozess, die Kosten, der Vergleichsmaßstab und belastbare Ergebnisse nach Kosten. Passive Marktbreite bleibt der robuste Standard. Ein aktiver ETF braucht eine konkrete, überprüfbare Begründung, warum er in dein Depot gehört.

Wenn du noch unsicher bist, was ein ETF überhaupt ist, lohnt sich zuerst der Überblick für Einsteiger. Dieser Artikel geht davon aus, dass du den Unterschied zwischen einem Index und einem Fonds kennst, und fragt, was sich ändert, wenn jemand aktiv entscheidet.

Was ein aktiver ETF ist und was nicht

Ein aktiver ETF ist ein Investmentfonds in der börsengehandelten Hülle, dessen Management nicht an die möglichst genaue Nachbildung eines Index gebunden ist. Menschen, Modelle oder eine Kombination aus beidem bestimmen Auswahl, Gewichtung und Anpassungen. Die Hülle funktioniert grundsätzlich wie bei einem passiven ETF, wie sie im ETF-Lexikon beschrieben ist. Der Unterschied liegt im Anlageauftrag.

Was ein aktiver ETF nicht ist: kein Garant für Mehrrendite, kein passiver ETF in anderem Gewand und kein Produkt, das man allein an der Abweichung von einem Index beurteilen sollte. Wenn eine Strategie bewusst vom Benchmark abweicht, ist eine geringe Tracking Difference kein Qualitätsmerkmal. Sie ist das erwartete Ergebnis der aktiven Arbeit.

Grenzziehung zu Faktorindizes und Smart Beta: Ein ETF, der einen regelbasierten Index nachbildet, bleibt ein passiver Indexfonds, auch wenn der Index Faktoren wie Value, Qualität oder Momentum verwendet. Die aktive Entscheidung steckt dann in der Konstruktion der Regeln, nicht in laufenden diskretionären Portfolioentscheidungen. Solche Faktorstrategien sind deshalb nicht automatisch aktive ETFs. Maßgeblich sind Anlageziel und Prospekt, nicht das Marketingetikett.

Warum der Markt 2026 stark wächst

Morningstar meldet für europäische aktive ETFs Vermögen von 108,3 Milliarden Euro Ende Juni 2026, fast dreimal so viel wie Ende 2023. Das ist ein starker Anstieg in wenigen Jahren. Mehrere Gründe wirken zusammen.

Plausible Erklärungen sind die Handelbarkeit über die Börse, der Preisdruck im Fondsmarkt und die Nachfrage nach Strategien zwischen breitem Indexfonds und Einzeltitelauswahl. Wie häufig Bestände offengelegt werden und wie hoch die Gesamtkosten ausfallen, hängt jedoch vom konkreten Produkt ab. Aus der Morningstar-Zahl allein lässt sich keiner dieser Gründe als Ursache beweisen.

Der Boom ist ein Signal, dass Nachfrage und Angebot zusammenkommen. Er ist aber kein Beweis dafür, dass aktive ETFs funktionieren. Wachstum misst Beliebtheit, nicht Qualität.

Kosten und Transparenz

Kosten sind bei aktiven ETFs ein zentraler Punkt, aber nicht der einzige. Die laufende Kostenquote, also die TER, ist der einfachste Vergleichswert. Sie sagt aber nicht aus, wie viel aktive Arbeit tatsächlich drinsteckt. Ein aktiver ETF kann eine niedrige TER haben und trotzdem hohe Transaktionskosten verursachen, wenn das Portfolio häufig gehandelt wird. Die TER fasst diese Kosten nur unvollständig ab.

Transparenz ist der zweite Punkt. Bei einem passiven ETF lässt sich die Abweichung zum Index als Tracking Difference messen. Bei einem aktiven ETF ist die bewusste Abweichung vom Benchmark Teil des Auftrags. Eine geringe Tracking Difference wäre deshalb nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal. Prüfe stattdessen, wie oft der Anbieter Bestände offenlegt, wie stark das Portfolio umgeschichtet wird und ob Ergebnis und Risiko zum erklärten Ziel passen. Der Unterschied zwischen TER und Tracking Difference ist im Lexikon erklärt.

Was eine kleine Kostendifferenz langfristig bedeutet

Ein Beispiel macht die Hürde sichtbar. Angenommen, zwei Strategien erzielen vor Kosten dieselbe Rendite von 6 % pro Jahr. Der passive ETF kostet modellhaft 0,15 % pro Jahr, der aktive ETF 0,50 %. Der aktive ETF muss dann jedes Jahr 0,35 Prozentpunkte zusätzliche Bruttorendite erwirtschaften, nur um nach den laufenden Kosten gleichzuziehen. Handelskosten, Spreads und Steuern sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Bei 200 Euro monatlicher Sparrate ergibt die Modellrechnung folgende Endwerte:

LaufzeitPassiv: 5,85 % nach KostenAktiv: 5,50 % nach KostenDifferenz
20 Jahrerund 90.800 Eurorund 87.100 Eurorund 3.700 Euro
30 Jahrerund 195.200 Eurorund 182.700 Eurorund 12.500 Euro

Die Zahlen sind keine Prognose und keine Aussage über konkrete Produkte. Sie isolieren nur den Kosteneffekt unter identischen Annahmen. Ein aktiver ETF kann die Differenz aufholen, aber dafür braucht er eine entsprechende Mehrrendite vor Kosten. Genau diese Hürde sollte seine Strategie plausibel erklären.

Was SPIVA zeigt und ausdrücklich nicht zeigt

Die SPIVA Europe Year-End 2025 berichtet, dass 71 % der in Euro denominierten aktiven Global-Equity-Fonds im Jahr 2025 hinter dem S&P World lagen. Mit längerem Messfenster stieg der Anteil in derselben Kategorie auf 92,46 % über drei Jahre, 95,29 % über fünf Jahre und 98,44 % über zehn Jahre. Für diese Fondskategorie war aktive Auswahl nach der SPIVA-Methodik damit nicht nur in einem einzelnen Jahr mehrheitlich erfolglos.

Die ehrliche Schlussfolgerung ist enger: Aktive Auswahl ist anspruchsvoll, und ein bekanntes Management oder eine aktive Hülle genügt nicht als Begründung. Für die Beurteilung aktiver ETFs brauchst du Daten zur tatsächlich gewählten Vergleichsgruppe und zu ausreichend langen Zeiträumen nach Kosten.

Wann eine aktive Strategie überhaupt plausibel sein kann

Eine aktive Strategie kann plausibel sein, wenn sie eine konkrete, überprüfbare Begründung hat. Nicht jede Abweichung vom Index ist aktive Arbeit, und nicht jede aktive Arbeit führt zu Mehrrendite. Plausibel wird eine Strategie, wenn du erklären kannst, woher der Vorteil kommen soll.

Plausibel kann eine Abweichung sein, wenn die Strategie ein klar definiertes Ziel verfolgt. Das kann Mehrrendite gegenüber einer passenden Benchmark sein, aber auch ein bestimmtes Risikoprofil oder ein begrenztes Anlageuniversum. Nötig sind ein nachvollziehbarer Prozess, ein stabiles Team, ausreichende Kapazität und Kosten, die den möglichen Nutzen nicht aufzehren. Eine Strategie, die auf Markt-Timing setzt, braucht eine besonders strenge Begründung. Der Überblick zu Factor Timing zeigt das Problem.

Wichtige Einschränkung: Vergangene Ergebnisse und ein guter Backtest sind kein Beweis für künftige Mehrrendite. Ein Backtest ist eine Annahme über die Vergangenheit, keine Garantie für die Zukunft. Wer einen aktiven ETF kauft, weil er in den letzten Jahren gut gelaufen ist, setzt auf Wiederholung, nicht auf Prozess.

Prüfrahmen: Sechs Fragen vor dem Kauf

Bevor du einen aktiven ETF in dein Depot nimmst, lohnt sich ein kurzer Prüfrahmen.

  1. Benchmark und Ziel: Welchen Vergleichsmaßstab nutzt die Strategie, und soll sie ihn schlagen, Risiken begrenzen oder ein anderes Ergebnis liefern?
  2. Prozess: Ist der Anlageprozess klar beschrieben, und lässt er sich nachvollziehen? Ein Prozess, der sich ständig ändert, ist schwer zu beurteilen.
  3. Team: Wer trägt die Verantwortung, wie lange arbeitet das Team in dieser Form, und was passiert bei einem Wechsel?
  4. Kapazität: Kann die Strategie mit wachsendem Fondsvermögen noch dieselben Positionen sinnvoll handeln?
  5. Kosten: Welche laufenden Kosten, Handelskosten und Spreads fallen an, und wie hoch ist der Portfolioumschlag?
  6. Ergebnis nach Kosten: Erreicht die Strategie ihr erklärtes Ziel über mehrere Marktphasen, gemessen an einer passenden Vergleichsgruppe?

Wenn du diese Fragen nicht beantworten kannst, ist ein breiter passiver Kern die besser überprüfbare Ausgangslage.

Entscheidung: Kern, Beimischung oder weglassen

Die praktische Frage ist, welche Rolle ein aktiver ETF in deinem Depot spielen soll. Drei Optionen sind sinnvoll.

Kern: Für den Kern deines Depots bleibt passive Marktbreite der robuste Standard. Ein Weltportfolio oder ein breiter Welt-ETF deckt den Großteil des Aktienmarkts ab, zu niedrigen Kosten und mit hoher Transparenz. Wer mehr über die Logik dahinter wissen will, findet sie im Artikel Ein ETF reicht fast immer.

Beimischung: Ein aktiver ETF kann eine begrenzte Beimischung sein, wenn er eine konkrete Begründung hat und du die sechs Fragen aus dem Prüfrahmen beantworten kannst. Lege vorher fest, welche Aufgabe er erfüllt und woran du später erkennst, dass die These nicht aufgegangen ist.

Weglassen: Wenn du die Begründung nicht findest, lass den aktiven ETF weg. Nicht jedes Produkt gehört in jedes Depot. Gerade wenn du bereits eine breite passive Basis hast, bringt ein aktiver ETF ohne klaren Vorteil wenig.

Fazit

Aktive ETFs sind ein legitimes Produkt, kein Wundermittel. Sie kombinieren die börsengehandelte Hülle mit aktiven Entscheidungen, und das macht sie weder automatisch besser noch automatisch schlechter. Entscheidend sind Prozess, Kosten, Vergleichsmaßstab und belastbare Ergebnisse nach Kosten.

Passive Marktbreite bleibt der robuste Standard. Ein aktiver ETF braucht eine konkrete, überprüfbare Begründung, warum er in dein Depot gehört. Wenn du diese Begründung findest und die sechs Fragen aus dem Prüfrahmen beantworten kannst, lässt sich eine begrenzte Beimischung prüfen. Wenn nicht, bleibt der passive Weg einfacher und transparenter.

Quellen

  1. Europe Active ETF Trends · Morningstar , abgerufen am 16.08.2026
  2. SPIVA Europe Year-End 2025 · S&P DJI , abgerufen am 16.08.2026

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