Renditedreieck
Was ist ein renditedreieck?
Renditedreieck erklärt: Wie Einstiegsjahr und Haltedauer die annualisierte Rendite formen, mit interaktiver MSCI-World-Heatmap und Streuungsanalyse.
Ein Renditedreieck ist eine Matrix-Darstellung, die für jede Kombination aus Einstiegsjahr und Haltedauer die annualisierte Rendite eines Index zeigt. Die Zeile gibt das Kaufjahr an, die Spalte die Anzahl der gehaltenen Jahre, die Zelle die geometrisch gemittelte Jahresrendite (CAGR) für genau diesen Verlauf. Das Renditedreieck macht zwei Dinge gleichzeitig sichtbar, die in Einzelkennzahlen verborgen bleiben: erstens die enorme Streuung kurzfristiger Renditen, zweitens, wie diese Streuung mit zunehmender Haltedauer zusammenschrumpft. Es ist damit das ehrlichste verfügbare Anschauungsobjekt gegen Market-Timing-Reflexe — ohne ein einziges Argument zu formulieren.
Einsteiger-Block
Wer Ende 1999 in den MSCI World investierte, sah nach drei Jahren rund 17 Prozent Verlust pro Jahr — die Dotcom-Blase platzte mitten in das Investment hinein. Wer dagegen Ende 2002, ein Jahr danach, kaufte, sah über dieselben drei Jahre rund 15 Prozent Plus pro Jahr. Zwei Anleger, dieselbe Strategie, ein Jahr Unterschied im Einstieg, vollständig konträre Ergebnisse.
Verlängert man die Haltedauer auf 15 Jahre, schrumpft dieser Unterschied dramatisch zusammen. Die Bandbreite über alle Einstiegsjahre seit 1995 liegt für 15-Jahres-Perioden in einem deutlich engeren Korridor — und kein einziger Einstiegszeitpunkt führt mehr zu einem negativen annualisierten Ergebnis. Genau das ist die Aussage, die das Renditedreieck visuell beweist.
Formel pro Zelle: CAGR = (∏ (1 + r_i))^(1/n) − 1, mit r_i als Jahresrendite des Index in Jahr i und n als Haltedauer.
Renditedreieck: was Einstiegsjahr und Haltedauer bewirken
Jede Zelle zeigt die annualisierte Rendite (CAGR) eines Investments in den MSCI World, gekauft Ende des angegebenen Jahres und gehalten über die angegebene Anzahl Jahre. Fahre über eine Zeile oder Spalte, um den Datenpunkt hervorzuheben.
| Kauf Ende | 1 J. | 3 J. | 5 J. | 10 J. | 15 J. | 20 J. | 25 J. | 30 J. |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1995 | +21.0 | +26.9 | +28.8 | +9.1 | +6.3 | +8.2 | +8.6 | +9.3 |
| 1996 | +24.5 | +27.1 | +23.2 | +9.6 | +6.3 | +7.7 | +8.1 | |
| 1997 | +35.5 | +33.1 | +14.5 | +8.0 | +4.5 | +7.1 | +8.3 | |
| 1998 | +21.6 | +18.9 | -0.4 | +4.6 | +3.3 | +5.8 | +6.4 | |
| 1999 | +43.0 | +6.1 | -2.2 | -2.1 | +3.3 | +4.6 | +6.3 | |
| 2000 | -3.4 | -17.4 | -7.7 | -3.4 | +2.1 | +4.1 | +5.8 | |
| 2001 | -13.6 | -13.5 | -2.4 | -1.3 | +3.0 | +4.6 | ||
| 2002 | -32.4 | -7.1 | +1.9 | -0.1 | +4.7 | +6.8 | ||
| 2003 | +11.0 | +14.8 | +9.8 | +5.3 | +8.0 | +8.2 | ||
| 2004 | +7.0 | +13.6 | -2.1 | +6.2 | +7.0 | +8.6 | ||
| 2005 | +27.5 | +10.4 | +1.1 | +7.4 | +8.4 | +9.5 | ||
| 2006 | +7.4 | -13.0 | -0.2 | +5.8 | +7.0 | |||
| 2007 | -1.7 | -8.3 | -2.1 | +6.2 | +8.5 | |||
| 2008 | -37.6 | -2.1 | +0.9 | +7.1 | +7.6 | |||
| 2009 | +25.9 | +13.7 | +15.2 | +11.8 | +12.4 | |||
| 2010 | +19.5 | +10.0 | +14.0 | +12.2 | +12.4 | |||
| 2011 | -2.4 | +10.5 | +12.2 | +10.9 | ||||
| 2012 | +14.0 | +18.2 | +15.1 | +14.2 | ||||
| 2013 | +21.2 | +16.9 | +13.7 | +11.2 | ||||
| 2014 | +19.5 | +13.5 | +8.5 | +11.0 | ||||
| 2015 | +10.4 | +9.5 | +10.3 | +11.7 | ||||
| 2016 | +10.7 | +4.5 | +9.5 | |||||
| 2017 | +7.5 | +10.2 | +13.3 | |||||
| 2018 | -4.2 | +9.8 | +8.6 | |||||
| 2019 | +30.0 | +21.9 | +13.6 | |||||
| 2020 | +6.3 | +6.7 | +13.0 | |||||
| 2021 | +31.1 | +11.0 | ||||||
| 2022 | -12.8 | +9.7 | ||||||
| 2023 | +19.6 | |||||||
| 2024 | +26.6 |
Streuung je Haltedauer über alle Einstiegsjahre seit 1995:
| Haltedauer | Schlechtester Verlauf | Bester Verlauf | Anteil mit Verlust |
|---|---|---|---|
| 1 Jahre | -37.6 % p.a. | +43.0 % p.a. | 27 % |
| 3 Jahre | -17.4 % p.a. | +33.1 % p.a. | 21 % |
| 5 Jahre | -7.7 % p.a. | +28.8 % p.a. | 27 % |
| 10 Jahre | -3.4 % p.a. | +14.2 % p.a. | 19 % |
| 15 Jahre | +2.1 % p.a. | +12.4 % p.a. | 0 % |
| 20 Jahre | +4.1 % p.a. | +9.5 % p.a. | 0 % |
| 25 Jahre | +5.8 % p.a. | +8.6 % p.a. | 0 % |
| 30 Jahre | +9.3 % p.a. | +9.3 % p.a. | 0 % |
Datenbasis: stilisierte MSCI-World-Net-EUR-Jahresrenditen, gerundet. Die Kernaussage des Renditedreiecks — Streuung sinkt mit der Haltedauer — ist robust gegen kleine Datenabweichungen. Vergangene Renditen sind keine Garantie für die Zukunft.
Fortgeschrittene-Ebene
Das Renditedreieck wurde in Deutschland durch das Deutsche Aktieninstitut (DAI) populär gemacht, das die Darstellung für den DAX seit den 1990er Jahren regelmäßig publiziert. Die Form ist generisch und lässt sich auf jeden Index mit konsistenter Total-Return-Reihe übertragen — MSCI World, S&P 500, FTSE All-World oder Anleihenindizes.
Was das Renditedreieck korrekt darstellt:
- Die geometrische, nicht die arithmetische Durchschnittsrendite — relevant für Vermögensentwicklung, nicht für Erwartungswert-Berechnungen.
- Die Streuung über alle historisch beobachtbaren Einstiegszeitpunkte, nicht nur die typischen.
- Den Effekt der Haltedauer als Diversifikation in der Zeit-Dimension, oft Time-Diversification genannt.
Fehlinterpretation 1: „Über 15 Jahre macht man am Aktienmarkt immer Gewinn.” Das Renditedreieck zeigt das für den abgebildeten Zeitraum eines bestimmten Index. Der japanische Nikkei brauchte vom Hoch 1989 bis zur Rückkehr auf dieses Niveau über 30 Jahre. Wer ein deutsches oder weltweites Renditedreieck als Naturgesetz liest, übersieht den Survivorship-Bias des gewählten Index. Die Aussage stimmt für den MSCI World seit 1995 — sie ist kein universelles Aktienmarkt-Gesetz.
Fehlinterpretation 2: „Das Renditedreieck zeigt, was mein Sparplan erreichen wird.” Jede Zelle repräsentiert eine Einmalanlage zu einem Stichtag, nicht regelmäßige Einzahlungen. Ein Sparplan erzeugt einen gewichteten Durchschnitt vieler überlappender Einstiegspunkte. Das senkt die Streuung weiter — verschiebt aber auch den effektiven Mittelpunkt der Investition. Wer Sparplan-Renditen abschätzen will, muss explizit über den Cost-Average-Effekt rechnen, nicht über das Renditedreieck.
Fehlinterpretation 3: „Wenn historische 15-Jahres-Renditen positiv waren, kann mir in der Entnahmephase nichts passieren.” Das Renditedreieck ist eine Akkumulations-Sicht. In der Entnahmephase entscheidet nicht der Durchschnitt, sondern die Reihenfolge der Renditen — ein Crash in den ersten Rentenjahren ist mathematisch nicht dasselbe wie derselbe Crash zwanzig Jahre später. Diese Asymmetrie heißt Sequenzrisiko und ist im Renditedreieck nicht ablesbar.
Worauf bei der Datenbasis zu achten ist:
- Net Total Return ist nicht Gross Total Return — die Differenz sind Quellensteuern auf Dividenden, je nach Index 0,2 bis 0,6 Prozent pro Jahr.
- Renditen in Euro unterscheiden sich erheblich von Renditen in lokaler Währung. Ein MSCI-World-Renditedreieck in USD und EUR liefert über dieselbe Periode unterschiedliche Zellen.
- Vor- oder Nachsteuer-Sicht: Die meisten publizierten Dreiecke ignorieren Abgeltungssteuer, Vorabpauschale und Teilfreistellung. Für eine realistische persönliche Renditeerwartung müssen diese drei Posten abgezogen werden.
Das Renditedreieck ist kein Prognosewerkzeug, sondern ein Demut-Werkzeug. Es zeigt nicht, was passieren wird, sondern wie breit der Korridor war — und wie sich dieser Korridor mit jedem zusätzlichen Jahr Haltedauer verengt. Wer es so liest, gewinnt das wertvollste Argument gegen Market-Timing, das die Datenhistorie überhaupt hergibt: nicht das Versprechen, dass alles gut wird, sondern den empirischen Befund, dass die Streuung systematisch sinkt, wenn man der Zeit ihren Anteil lässt.