Max Drawdown
Was ist max drawdown?
Max Drawdown erklärt: Der größte Verlust vom Höchststand, warum er wichtiger ist als Volatilität, und was er in der Entnahmephase wirklich bedeutet.
Der Max Drawdown ist der größte Verlust von einem Höchststand zu einem Tiefststand in einem bestimmten Zeitraum, ausgedrückt in Prozent. Er ist häufig die relevantere Risikokennzahl als Volatilität, weil er die psychologisch entscheidende Frage beantwortet: „Wie viel hätte ich maximal verloren, wenn ich zum schlechtmöglichen Zeitpunkt eingestiegen wäre?” Für Anleger in der Ansparphase ist ein Drawdown eine Bewährungsprobe, die zur Kapitulation am Tief führen kann. Für Anleger in der Entnahmephase kann er existenzbedrohend sein, weil verkaufte Anteile in der Erholung fehlen.
Einsteiger-Block
Der MSCI World verlor von Oktober 2007 bis März 2009 etwa 54 % vom Höchststand. Wer am Höchststand 100.000 € investiert hatte, sah zwischenzeitlich nur noch 46.000 € im Depot. Das ist der Max Drawdown dieser Periode.
Der MSCI World hat sich bis 2013 vollständig erholt, in den nächsten zehn Jahren weit darüber hinaus zugelegt. Wer durchgehalten hat, hat heute ein deutlich höheres Kapital als vor dem Crash. Wer in der Tiefe verkauft hat, hat den Verlust realisiert und die Erholung verpasst: Der Drawdown wurde zum dauerhaften Verlust.
Max Drawdown: Der größte prozentuale Rückgang von einem Höchststand bis zum darauffolgenden Tiefstand.
Psychologische Herausforderung: Ein 50% Drawdown erfordert 100% Gewinn zum Ausgleich. Psychologische Belastbarkeit > mathematische Erwartung.
Drawdown vs. Volatilität
| Metrik | Was es misst | Aussagekraft |
|---|---|---|
| Volatilität | durchschnittliche Schwankungsbreite | symmetrisch, oben wie unten |
| Max Drawdown | schlechtmöglicher Verlust | asymmetrisch, nur Verluste |
| Underwater-Time | Dauer unter dem letzten Höchststand | Erholungsdauer |
| Ulcer Index | gewichteter Drawdown-Verlauf | langsame, lange Verluste werden bestraft |
Ein Tagesgeldkonto hat Volatilität nahe null und Max Drawdown null. Ein global gestreuter Aktien-ETF hat Volatilität von rund 15 % und Max Drawdown historisch 50 bis 60 %. Für einen 30-jährigen Anleger ist die höhere Volatilität über 35 Jahre nahezu irrelevant, sie schmilzt im Durchschnitt aus dem Ergebnis heraus. Der Max Drawdown ist dagegen psychologisch entscheidend, weil er den schlimmsten Moment beschreibt, den ein Anleger durchstehen muss.
Historische Max Drawdowns
| Asset / Index | Periode | Max Drawdown |
|---|---|---|
| MSCI World (TR, EUR) | 2007–2009 (Finanzkrise) | ca. −54 % |
| MSCI World (TR, EUR) | 2000–2003 (Dotcom) | ca. −47 % |
| MSCI World (TR, EUR) | 2022 (Inflation/Zinsschock) | ca. −18 % |
| MSCI World (TR, EUR) | 2020 (Corona) | ca. −33 % |
| S&P 500 (TR, USD) | 1929–1932 | ca. −86 % |
| Nikkei 225 | 1989–2003 | ca. −80 % (über 14 Jahre) |
| Bitcoin | 2017–2018 | ca. −84 % |
| Bitcoin | 2021–2022 | ca. −77 % |
| Deutsche Staatsanleihen (10y) | 2022 | ca. −16 % |
| 60/40-Portfolio (EUR) | 2022 | ca. −18 % |
Der Nikkei-Fall zeigt den ungemütlichsten Aspekt: Drawdowns können Jahrzehnte dauern. Wer 1989 in Japan eingestiegen ist, hatte 2003 noch immer Buchverlust und brauchte rund 30 Jahre bis zur vollständigen Erholung. Ein einzelner nationaler Aktienmarkt ist deshalb kein Ersatz für globale Diversifikation.
Drawdown in der Entnahmephase: Sequenzrisiko
Ein 60 %-Drawdown im ersten Entnahmejahr hat eine völlig andere Wirkung als derselbe Drawdown 20 Jahre später. Wer mit 500.000 € startet, jährlich 20.000 € entnimmt und sofort einen Crash auf 200.000 € erlebt, hat noch 180.000 € (200.000 minus erste Entnahme). Bei weiterer Entnahme von 20.000 € pro Jahr in einem mittelmäßig erholenden Markt ist das Kapital nach 12 bis 15 Jahren aufgebraucht.
Tritt derselbe Crash erst in Jahr 20 ein, ist das Kapital meist auf 700.000 bis 1.000.000 € gewachsen, der Drawdown reduziert es auf 300.000 bis 450.000 €, und die verbleibende Entnahmedauer reicht trotz Crash bis Lebensende. Identischer Drawdown, völlig unterschiedliche Konsequenz. Dieses Phänomen wird Sequenzrisiko genannt und ist der wichtigste Grund, in den Jahren rund um den Renteneintritt eine niedrigere Aktienquote zu fahren als langfristig sinnvoll.
Die echte Risikobereitschaft
Die ehrlichere Frage als jeder Banken-Fragebogen lautet: „Welchen Max Drawdown kannst du aushalten, ohne zu verkaufen?” Wer „50 %” sagt, dann bei −30 % verkauft, hatte eine falsche Selbsteinschätzung. In der Verhaltensökonomie zeigt sich konsistent, dass Anleger ihre Verlusttoleranz in ruhigen Phasen systematisch überschätzen, um Faktor 2 bis 3.
Häufige Missverständnisse
„Eine niedrige Volatilität bedeutet automatisch niedrigen Drawdown.” Nicht zwingend. Ein Long-Volatility-Fonds kann hohe Volatilität haben, aber niedrigen Drawdown, weil seine Schwankungen vor allem nach oben gehen. Umgekehrt zeigen Kreditstrategien oft niedrige Volatilität bis zur Krise und dann einen extremen Drawdown.
„Wer langfristig anlegt, muss sich um Drawdowns nicht kümmern.” Stimmt für die mathematische Endrendite, aber nicht für die psychologische Realität. Wer einen 50 %-Drawdown nicht durchhält und im Tief verkauft, hat den Buchverlust in einen realisierten Verlust verwandelt. Das passiert in jedem Crash hunderttausenden Privatanlegern.
„Der historische Max Drawdown ist der Worst Case.” Auch falsch. Der historische Max Drawdown ist die schlimmste Episode der bisherigen Datenhistorie. Die nächste Krise kann größer ausfallen. Der Nikkei-Drawdown von 1989 war zu jenem Zeitpunkt beispiellos, der S&P-500-Drawdown von 1929 ebenfalls. Wer sein Portfolio für „den historischen Worst Case” plant, plant für einen Bereich, der überschritten werden kann.
Wer Max Drawdown versteht, investiert nur so viel in Aktien, wie er auch bei einem 50-Prozent-Drawdown nicht verkaufen würde. Das ist die echte Risikobereitschaft, nicht das Ergebnis eines Banken-Fragebogens. Der praktische Hebel: Lieber eine niedrigere Aktienquote dauerhaft halten, als eine höhere Quote im Crash kapitulieren zu lassen. Ein 70/30-Portfolio, das durchgehalten wird, schlägt ein 100/0-Portfolio, das im Tief verkauft wird, fast immer. Die ehrlichste Frage vor jeder Asset Allocation ist nicht „Welche Rendite kann ich erwarten?”, sondern „Welcher Drawdown würde mich aus dem Plan herausschlagen?”, und die Antwort auf diese Frage bestimmt die obere Grenze des Aktienanteils, nicht die historische Renditeerwartung.