Sequenzrisiko
Was ist sequenzrisiko?
Sequenzrisiko in der Entnahmephase: Warum die Reihenfolge von Renditen über Ruhestand oder Ruin entscheidet, mit Simulation und konkreten Zahlen.
Sequenzrisiko ist das Risiko, das aus der Reihenfolge von Renditen entsteht, nicht aus ihrem Durchschnitt. In der Ansparphase ist die Reihenfolge fast irrelevant. In der Entnahmephase ist sie entscheidend: Wer in den ersten Jahren der Entnahme einen schweren Crash erlebt, muss Anteile zu Tiefpreisen verkaufen. Selbst wenn der Markt sich erholt, ist das Portfolio kleiner und kann dieselbe Entnahmerate nicht mehr tragen.
Einsteiger-Block
Du gehst mit 67 Jahren in Rente. Portfolio 500.000 €, Entnahme 25.000 €/Jahr (5 %).
Szenario A: Erst stark positiv, dann Crash: Portfolio wächst zunächst auf über 1 Mio. €, dann fällt es. Nach 15 Jahren: Portfolio größer als Start.
Szenario B: Erst Crash, dann stark positiv: Portfolio fällt in den ersten 5 Jahren auf 163.000 €. Du entnimmst trotzdem 25.000 €/Jahr. Das Portfolio ist erschöpft, bevor der Aufschwung wirken kann.
Gleicher Durchschnitt. Drastisch unterschiedliche Ergebnisse.
Best Case (Bull Zuerst)
750.000 €
Starke Jahre zuerst
Worst Case (Bear Zuerst)
150.000 €
Schwache Jahre zuerst
Sequenzrisiko
600.000 €
Differenz
Das Paradox: Zwei Portfolios mit identischer Durchschnittsrendite können 600.000 € Unterschied haben — weil die Reihenfolge zählt.
Für Rentner: Frühe Verluste sind tödlich (man entnimmt mit Verlust-Quote). Sparer sind weniger anfällig.
Die 4%-Regel und ihre Grenzen
Die 4%-Regel (Bengen 1994): Eine jährliche Entnahme von 4 % des Startportfolios war historisch 30 Jahre lang nachhaltig, für US-amerikanische Portfolios, 50/50 Aktien/Anleihen. In Europa, mit anderen Zinsniveaus und Marktrenditen, ist die sichere Entnahmerate möglicherweise niedriger (3–3,5 %).
Häufiger Fehler: „Wenn mein Portfolio im Schnitt mehr als 4 % erwirtschaftet, kann ich 4 % entnehmen.” Falsch. Sequenzrisiko kann diese Rechnung ruinieren, selbst wenn die durchschnittliche Rendite stimmt.
Praktische Konsequenzen
Wer Sequenzrisiko versteht, plant seine Entnahme anders:
- Puffer-Jahr in Cash: Ein Jahr Entnahmen in Cash halten → kein Verkauf bei Crash nötig
- Flexible Entnahmerate: In Crash-Jahren weniger entnehmen
- Rebalancing-Jahr vor Rente: Schrittweise aus reinen Aktien in gemischte Allokation wechseln
Wer Sequenzrisiko kennt, fürchtet Crashes in den ersten Rentenjahren mehr als in der Ansparphase. Ein −50 % Crash im Alter 68 ist existenzbedrohend. Ein −50 % Crash im Alter 35 ist eine Chance, billiger nachzukaufen.