Verhalten

Status-quo-Bias

Was ist der status quo bias?

Wer bei der Altersvorsorge nichts tut, entscheidet sich implizit, und im Kontext des Zinseszins ist Nichtstun oft die teuerste aller Entscheidungen.

Der Status-quo-Bias beschreibt die Tendenz, den gegenwärtigen Zustand beizubehalten, auch dann, wenn eine Änderung objektiv vorteilhafter wäre. Die Trägheit kommt nicht aus Unwissenheit, sondern aus einer asymmetrischen Risikowahrnehmung: Der potenzielle Verlust durch eine falsche Entscheidung wird stärker gewichtet als der Gewinn durch die richtige. Ergebnis: Der Altvertrag läuft weiter, das Tagesgeldkonto bleibt bei der Hausbank, der Sparplan startet nie.

Einsteiger-Block

Du hast ein Tagesgeldkonto bei deiner Hausbank mit 0,5 % Zinsen. Du weißt, dass andere Anbieter 3,0 % zahlen. Der Wechsel dauert 20 Minuten. Du wechselst nicht.

Das ist kein Rationalitätsproblem. Es ist der Status-quo-Bias: Der aktuelle Zustand fühlt sich wie der Standardzustand an, und jede Abweichung davon erfordert eine aktive Entscheidung, die mit Risiko verbunden ist. Was, wenn der neue Anbieter Probleme macht? Was, wenn ich etwas übersehe?

Der Verbleib kostet bei 50.000 € Tagesgeld rund 1.250 € pro Jahr (Zinsdifferenz 2,5 %). Die Entscheidung zum Nicht-Handeln ist trotzdem eine Entscheidung, mit messbaren Kosten.

Das Default-Experiment

Samuelson & Zeckhauser (1988) dokumentierten den Status-quo-Bias erstmals systematisch in Investitions- und Versicherungsentscheidungen: Optionen, die als Standardzustand präsentiert wurden, wurden mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit gewählt, unabhängig von ihrem objektiven Wert.

Der stärkste Beweis kommt aus der betrieblichen Altersvorsorge:

ModellTeilnahmerate
Opt-in (aktive Anmeldung nötig)~49 %
Opt-out (automatisch angemeldet, Kündigung möglich)~86 %

Derselbe Plan, dieselben Konditionen, nur der Default ändert sich. Das Ergebnis: 37 Prozentpunkte mehr Vorsorgebeiteilung, ohne Zwang, ohne Aufklärung.

Wo der Status-quo-Bias im Finanzalltag wirkt

Hausbank-Inertia: Millionen Deutsche halten Konten und Depots bei Banken, die signifikant schlechter konditioniert sind als Neobroker oder Direktbanken, weil wechseln aktiv ist und bleiben passiv.

Altverträge: Kapitallebensversicherungen, Riester-Verträge und Bausparverträge aus den 1990ern laufen weiter, weil Kündigung eine Entscheidung erfordert und Kündigung sich nach Verlust anfühlt, auch wenn die Opportunitätskosten erdrückend sind.

Depot-Paralysis: Anleger mit einem Einzel-Aktien-Depot „trauen sich nicht”, auf ETF umzuschichten, weil Verkaufen eine aktive Entscheidung ist und Halten sich neutral anfühlt. Auch das ist eine Entscheidung.

Asset-Allokation: Einmal gewählte Aktien-/Anleihen-Verteilungen werden selten angepasst, selbst wenn sich Risikobereitschaft oder Zeithorizont grundlegend verändert haben.

Der Unterschied zur Risikoaversion

Status-quo-Bias und Risikoaversion ähneln sich, sind aber verschieden:

  • Risikoaversion bedeutet, unsichere Outcomes zu meiden, auch bei neuen Entscheidungen.
  • Status-quo-Bias bedeutet, den aktuellen Zustand zu bevorzugen, weil er aktuell ist, unabhängig von seinem objektiven Wert.

Ein risikoaverser Anleger würde keinen 100-%-Aktien-ETF wählen. Ein Status-quo-Bias-Anleger hält seinen 100-%-Aktien-ETF durch alle Marktphasen, nicht aus Überzeugung, sondern weil Umschichten eine Entscheidung erfordert.

Die stärkste Waffe gegen den Status-quo-Bias ist, den richtigen Default zu setzen: einmal, bewusst. Wer seinen Sparplan am Tag des Gehaltseingangs automatisch ausführen lässt, wer einen Broker wählt und das Depot einrichtet, hat die teuerste Entscheidung bereits getroffen. Danach läuft der Bias für dich, nicht gegen dich: Denn nun ist Investieren der Status quo.