Mechanismus

Humankapital

Was ist humankapital beim investieren?

Humankapital erklärt: Warum deine künftigen Gehälter dein größtes Asset sind, wie sie die optimale Aktienquote beeinflussen und was das für dein Depot bedeutet.

Humankapital ist der Barwert aller zukünftigen Arbeitseinkünfte einer Person. Ein 30-jähriger mit 3.500 Euro Nettoeinkommen und 35 verbleibenden Arbeitsjahren verfügt über ein Humankapital von ca. 1.050.000 Euro. Dieser Wert übersteigt in der Regel das Finanzdepot junger Anleger um ein Vielfaches, weshalb er bei der Asset-Allokation berücksichtigt werden muss. Wer Humankapital ignoriert, betrachtet nur einen Bruchteil seines Gesamtvermögens und trifft systematisch falsche Portfolioentscheidungen.

Einsteiger-Block

Ein 25-jähriger spart seit einem Jahr und hat 10.000 Euro im Depot. Er fragt sich, ob er mit seiner Aktienquote von 80 % nicht zu viel Risiko eingeht. Die Antwort lautet nein, wahrscheinlich sogar zu wenig. Der Grund: Seine 10.000 Euro Finanzdepot sind nur ein kleiner Teil seines Gesamtvermögens. Er hat noch 40 Arbeitsjahre vor sich mit einem Nettoeinkommen von vielleicht 3.000 Euro monatlich. Das entspricht einem Humankapital von grob 1.440.000 Euro. Sein Gesamtvermögen besteht zu 99,3 % aus Humankapital und zu 0,7 % aus Finanzkapital. Die Frage nach der Aktienquote bezieht sich auf einen winzigen Teil seines echten Vermögens.

Humankapital als Anleihe

Regelmäßiges Arbeitseinkommen verhält sich wie eine Anleihe mit fixem Kupon: Es ist relativ stabil, planbar und unabhängig von Marktbewegungen. Das bedeutet für die Portfolio-Theorie: Wer über hohes Humankapital verfügt, hat in seinem Gesamtvermögen bereits eine große implizite Anleihenposition. Er braucht im Finanzdepot entsprechend weniger Anleihen und kann einen höheren Aktienanteil halten, ohne das Gesamtrisiko zu erhöhen.

Wer dagegen Selbstständiger oder Unternehmer ist, hat Humankapital mit höherem Risiko und höherer Korrelation zum Aktienmarkt (in einer Rezession sinkt oft beides gleichzeitig). Diese Person sollte im Finanzdepot konservativer aufgestellt sein, weil ihr Humankapital bereits hohe Aktiencharakteristiken trägt.

Fortgeschrittene-Ebene

Die Formel

Humankapital ist formal der Barwert zukünftiger Zahlungsströme. Vereinfacht:

HC = Σ (Jahreseinkommen_t / (1+r)^t) für alle verbleibenden Arbeitsjahre t.

Wobei r den persönlichen Diskontierungssatz widerspiegelt, in der Regel 2 bis 4 % real. Bei einem stabilen Einkommen von 42.000 Euro netto jährlich und einem Diskontierungssatz von 2 % über 35 Jahre liegt der Barwert bei ca. 1.050.000 Euro.

Humankapital und optimale Aktienquote

Die Kernaussage der Humankapital-Theorie (Merton, 1969 / Bodie et al., 1992): Junge Anleger mit hohem, stabilem Humankapital sollten im Finanzdepot 100 % in Aktien investieren, weil das Humankapital die Anleihenkomponente des Gesamtportfolios übernimmt. Erst mit zunehmendem Alter, wenn Humankapital durch Entnahme oder Karriereende sinkt, sollten Anleihen im Depot aufgebaut werden.

Das ist die theoretische Begründung für altersabhängige Aktienquoten, die über die reine Faustformel „100 minus Alter” hinausgeht.

Humankapital-Risiko und seine Varianten

Nicht jedes Humankapital ist gleich stabil:

Humankapital-TypCharakteristikDepot-Implikation
Beamter / StaatsangestellterSehr stabil, anleiheähnlichHohe Aktienquote im Depot vertretbar
Angestellter in zyklischer BrancheMittleres RisikoStandard-Aktienquote
Selbstständiger / UnternehmerHoch volatil, marktkorreliertKonservativere Depotstruktur
Tech-Mitarbeiter mit RSUsHoch volatil, stark mit Einzelaktie korreliertKlumpenrisiko im Gesamtportfolio prüfen

Fehlinterpretation 1: „Humankapital ist kein echtes Asset, weil ich es nicht kaufen oder verkaufen kann.”

Humankapital ist nicht handelbar, aber sein Wert ist real und fließt monatlich als Cashflow ein. Die Nichthandelbarkeit macht es zu einem illiquiden Asset, nicht zu keinem Asset. Pensionskassen, Versicherungen und Volkswirtschaften rechnen Humankapital standardmäßig als Vermögenswert.

Fehlinterpretation 2: „Mit 50 Jahren ist mein Humankapital fast verbraucht, also muss ich konservativ investieren.”

Das stimmt tendenziell, aber der entscheidende Faktor ist die Größe des Finanzkapitals im Verhältnis zum Resthumankapital. Wer mit 55 Jahren 800.000 Euro im Depot hat und noch 10 Jahre arbeitet, hat ein Gesamtvermögen, das bereits mehrheitlich aus Finanzkapital besteht. Der Umbau zu konservativer Anlage sollte dem echten Verhältnis entsprechen, nicht einer Faustformel.

Tech-Mitarbeiter und RSU-Klumpenrisiko

Wer in einem Technologieunternehmen arbeitet und gleichzeitig RSUs (Restricted Stock Units) desselben Unternehmens hält, hat ein doppeltes Problem: Sein Humankapital ist mit der Kursentwicklung des Arbeitgebers korreliert. Fällt das Unternehmen, verliert er möglicherweise Arbeitsplatz und Depotwert gleichzeitig. Das ist ein klassisches Klumpenrisiko auf Gesamtvermögens-Ebene.

Humankapital verändert die wichtigste Frage bei der Portfolio-Konstruktion. Die Frage lautet nicht mehr „Wie viel Risiko verträgt mein Depot?”, sondern „Wie viel Risiko trägt mein Gesamtvermögen?” Wer jung ist, ein stabiles Gehalt bezieht und kaum Finanzvermögen hat, sitzt auf einem Gesamtportfolio, das zu 95+ Prozent aus anleiheähnlichem Humankapital besteht. Für dieses Profil wäre ein konservatives Finanzdepot eine Verdoppelung der Anleihenposition, die das Depot schon hat. Die rationale Schlussfolgerung: investiere so lange wie möglich nahezu vollständig in Aktien, bis das Finanzdepot groß genug ist, um die Risikostruktur des Gesamtvermögens tatsächlich zu verschieben.