KGV – Kurs-Gewinn-Verhältnis
Was ist das kgv einer aktie?
KGV erklärt: Was das Kurs-Gewinn-Verhältnis aussagt, wann es täuscht, und warum ein KGV von 22 je nach Zinsumfeld billig oder teuer sein kann.
Das KGV ist die meistzitierte Kennzahl der Börse und eine der am häufigsten falsch interpretierten. Ein KGV von 22 ist weder teuer noch günstig, solange du nicht weißt, in welcher Branche und bei welchem Zinsniveau du es liest. Ohne Kontext ist die Zahl bedeutungslos.
Einsteiger-Block
Das KGV ist der Preis, den der Markt für einen Euro Jahresgewinn zahlt. Ein KGV von 20 bedeutet: Anleger zahlen heute 20 € für 1 € aktuellen Jahresgewinn.
Analog zu einer Mietwohnung: Ein Kaufpreis von 250.000 € bei 10.000 € Jahresmiete ergibt ein “Miete-Vielfaches” von 25. Steigt der Kaufpreis auf 300.000 € bei gleicher Miete, liegt das Vielfache bei 30, du zahlst mehr für denselben Cashflow. Genau das passiert beim KGV: Steigt der Aktienkurs schneller als der Gewinn, wird die Aktie im KGV-Sinne teurer, auch wenn sich am Unternehmen nichts geändert hat.
Der S&P 500 lag historisch bei etwa 16 und notiert im April 2026 bei rund 22. Das ist der Startpunkt jeder sinnvollen KGV-Diskussion, nicht ihr Ende.
Warum das KGV allein nichts sagt
Das KGV ist eine Momentaufnahme. Trailing-KGV nutzt den letzten realisierten Jahresgewinn, Forward-KGV den von Analysten erwarteten. Gewinnschätzungen sind systematisch zu optimistisch, das Forward-KGV wirkt dadurch künstlich niedriger.
Entscheidend sind zwei Kontexte:
Branche. Dieselbe Zahl bedeutet in verschiedenen Branchen Gegensätzliches:
| Branche | Typisches KGV |
|---|---|
| Technologie / Wachstum | 25–35 |
| Versorger | ~15 |
| Banken | 10–12 |
Ein KGV von 12 ist für eine Bank normal, für ein Tech-Unternehmen wäre es ein Warnsignal.
Zinsumfeld. Der Kehrwert des KGV ist die Gewinnrendite: Bei KGV 22 entspricht das 4,5 %. Solange risikofreie Staatsanleihen 0 % abwerfen, ist 4,5 % Gewinnrendite attraktiv. Bei Zinsen von 4 % konkurriert die Gewinnrendite praktisch mit dem Sparbuch: dieselbe Zahl, völlig andere Bewertung.
Häufige Fehler
“Ein niedriges KGV bedeutet, die Aktie ist günstig.” Nur innerhalb derselben Branche und desselben Zinsumfelds. Ein KGV von 8 kann auch ein Markt-Warnsignal sein: strukturelle Probleme, sinkende Zukunftsgewinne, regulatorische Risiken.
“Ein hohes KGV bedeutet, die Aktie ist überteuert.” Wachstumsunternehmen haben strukturell höhere KGVs, weil der Markt künftige Gewinne einpreist. Ein KGV von 35 bei einem Unternehmen mit 25 % Umsatzwachstum ist nicht dasselbe wie KGV 35 bei einem stagnierenden Versorger.
“KGV 22 ist historisch hoch, also kommt ein Crash.” Das KGV hat als kurzfristiger Timing-Indikator eine schlechte Trefferquote. Für Langfrist-Bewertungen ist das CAPE (zyklisch bereinigtes KGV über 10 Jahre) deutlich aussagekräftiger: Es glättet einmalige Gewinnspitzen und macht Zeiträume vergleichbar.
Praktische Konsequenz
Nutze das KGV nicht als absolutes Urteil, sondern als Vergleichswert:
- Gleiche Branche: ein Tech-KGV nur mit anderen Tech-Werten vergleichen
- Ähnliches Zinsumfeld: KGVs aus der Nullzinsphase sind nicht direkt mit heutigen vergleichbar
- Trailing statt Forward: Analystenschätzungen systematisch skeptisch behandeln
Für Langfrist-Entscheidungen ist das CAPE der bessere Referenzpunkt.
Wer das KGV liest und sofort urteilt, macht denselben Fehler wie jemand, der Immobilienpreise zwischen München und Leipzig vergleicht, ohne Lage und Nachfrage zu kennen. Der einzige sinnvolle KGV-Vergleich ist: dieselbe Branche, ähnliches Zinsumfeld, über Zeit. Die meistzitierte Kennzahl der Börse ist auch die am leichtesten missbrauchte, weil sie als Zahl wirkt, als sei sie selbsterklärend.