Mythos

Yield on Cost (YoC) – persönliche Dividendenrendite

Was ist Yield on Cost und warum ist es irreführend??

Yield on Cost (YoC), auch persönliche Dividendenrendite oder Einstandsrendite genannt, ist das Verhältnis der aktuellen Jahresausschüttung zum ursprünglichen Kaufpreis einer Anlage. Die Formel lautet: YoC = Aktuelle Ausschüttung ÷ Kaufpreis × 100. Eine Aktie, die für 50 Euro gekauft wurde und heute 3 Euro Dividende zahlt, hat einen YoC von 6 % – unabhängig davon, wie hoch der aktuelle Kurs ist. Die Kennzahl steigt automatisch, wenn der Kurs gestiegen ist, weil der Kaufpreis im Nenner konstant bleibt. YoC misst damit nicht die Qualität einer Anlage, sondern wie lange man dabei ist und wie stark der Kurs gestiegen ist.

Definition und Formel

YoC = Aktuelle Jahresdividende ÷ Kaufpreis × 100

Die Kennzahl ist eine Abwandlung der gewöhnlichen Dividendenrendite, die auf den aktuellen Kurs bezogen wird. YoC bezieht sich dagegen auf den historischen Einstiegspreis. Das Ergebnis ist immer höher als die aktuelle Dividendenrendite, wenn der Kurs seit dem Kauf gestiegen ist – und immer niedriger, wenn der Kurs gefallen ist.

KaufpreisKurs heuteDividende heuteAkt. DividendenrenditeYoC
Kurs verdoppelt100 €200 €3,00 €1,5 %3,0 %
Kurs unverändert100 €100 €1,50 €1,5 %1,5 %
Kurs halbiert100 €50 €0,75 €1,5 %0,75 %

Warum Investoren YoC lieben

In Dividendeninvestoren-Communities ist YoC eine beliebte Kennzahl, weil sie die eigene Entscheidung im Nachhinein bestätigt. Wer vor zehn Jahren eine Aktie günstig gekauft hat und heute einen hohen YoC vorweisen kann, sieht das als Beweis für die Richtigkeit seiner Strategie. Psychologisch ist das verständlich: Die Zahl ist konkret, sie wächst mit der Zeit, und sie lässt sich schwer mit anderen Anlagen vergleichen – was Kritik erschwert.

Das Problem entsteht, wenn YoC als Argument für die Überlegenheit von Einzelaktien gegenüber ETFs eingesetzt wird. Dieser Vergleich scheitert an der Logik der Formel selbst.

Das ETF-Gegenbeispiel

YoC ist kein Alleinstellungsmerkmal von Dividendenaktien. Jeder ausschüttende ETF hat denselben Mechanismus.

Ein ausschüttender MSCI World ETF, gekauft für 100 Euro mit einer Ausschüttungsrendite von 1,5 %: Wenn der ETF in zehn Jahren auf 200 Euro steigt, zahlt er 3 Euro Ausschüttung. YoC: 3 %. Wenn er auf 300 Euro steigt, zahlt er 4,50 Euro. YoC: 4,5 %. Dieselbe Arithmetik wie bei jeder Dividendenaktie. Ein beeindruckender YoC zeigt nicht, dass Einzelaktien besser sind als ETFs – er zeigt, dass die Anlage gut gelaufen ist.

Yield-on-Cost-Rechner

% p.a.
%
Jahre
Einzelaktie
Yield on Cost
Ausschüttender ETF
Yield on Cost
Kaufpreis
Kurs heute
Jährliche Ausschüttung
Steuer darauf – Einzelaktie (26,375 %)
Steuer darauf – ETF (mit Teilfreistellung)

YoC = aktuelle Ausschüttung ÷ Kaufpreis. Da Ausschüttung und Kurs proportional wachsen, ist das Ergebnis für Aktie und ETF identisch – egal wie gut die Anlage gelaufen ist.

Steuerliche Dimension

Ausschüttungen – ob Dividenden oder ETF-Ausschüttungen – lösen in Deutschland sofort Kapitalertragsteuer aus (26,375 %, bestehend aus 25 % KESt und 5,5 % Solidaritätszuschlag). Bei Aktienfonds-ETFs gilt eine Teilfreistellung von 30 %, was die effektive Steuerbelastung auf 18,46 % reduziert. Einzelaktien kennen diese Teilfreistellung nicht.

Das entscheidende Vergleichsproblem entsteht gegenüber thesaurierenden Fonds: Ein Thesaurierer schüttet nichts aus. Das Kapital bleibt im Portfolio, wächst unversteuert, und die Steuer fällt erst beim Verkauf an. Über lange Zeiträume ist dieser Steuerstundungseffekt erheblich – das unversteuerte Kapital arbeitet weiter im Zinseszins-Kreislauf, anstatt jährlich an das Finanzamt abzufließen. Gegenüber einem Thesaurierer verlieren beide Ausschüttungsvarianten minimal, auch durch die Vorabpauschale.

Der Freistellungsauftrag (1.000 Euro für Einzelpersonen, 2.000 Euro für Ehepaare) macht Ausschüttungen bis zu dieser Grenze steuerfrei. Bis zur Ausschöpfung des Freibetrags kann ein Ausschütter sinnvoll sein. Danach verschiebt sich das Bild zugunsten des Thesaurierers.

Gleich gut reicht nicht

Hier liegt die eigentliche Messlatte, die in der Dividenden-Community selten direkt benannt wird.

Wer eine Dividendenstrategie fährt, zahlt jedes Jahr Steuern auf die Ausschüttungen. Ein thesaurierender ETF auf denselben Marktindex tut das nicht. Das bedeutet: selbst wenn das Dividendenportfolio exakt dieselbe Brutto-Gesamtrendite erzielt wie der Index, steht es nach 20 Jahren schlechter da. Der Steuerunterschied sorgt dafür.

„Gleich gut” ist also nicht die Breakeven-Schwelle. Man muss den Markt dauerhaft um die steuerliche Differenz übertreffen – erst dann entsteht echter Mehrwert. Bei 1,5 % Ausschüttungsrendite sind das ca. 0,4 Prozentpunkte pro Jahr für Einzelaktien (mit ETF-Teilfreistellung ca. 0,28 Prozentpunkte). Die meisten aktiven Strategien schaffen das langfristig nicht.

Value-Faktor-Korrelation

Hochdividenden-Aktien weisen häufig typische Value-Merkmale auf: niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse, hohe Buchwerte, günstige Bewertungen. Der Value-Faktor aus dem Fama/French-Dreifaktorenmodell beschreibt genau diese Eigenschaft – und hat langfristig eine positive Risikoprämie geliefert.

Dividendeninvestoren nehmen diesen Tilt meist unbeabsichtigt mit, ohne ihn als solchen zu erkennen. Das Problem: Ein Dividenden-Screen ist kein sauberer Value-Screen. Hohe Dividendenrenditen entstehen auch bei Value Traps – Unternehmen mit sinkenden Gewinnen, die ihre historische Ausschüttungsquote künstlich aufrechterhalten. Wer den Value-Faktor gezielt nutzen will, tut das effizienter über einen Value-ETF: breit diversifiziert, transparent und ohne den Ausschüttungssteuer-Nachteil.

Sinnvolle Anwendungsfälle

YoC ist nicht wertlos. Als persönliche Tracking-Metrik zeigt es, ob die Dividende im Zeitverlauf gewachsen ist – ein Zeichen für Dividendenwachstum. Als Gesprächsstarter für die eigene Geduld und Disziplin hat es einen psychologischen Wert. Als Vergleichsmaßstab zwischen verschiedenen Anlagen oder Strategien eignet es sich nicht.

Die sinnvolleren Alternativen für den Vergleich von Renditen sind die Gesamtrendite (TTWROR, Total Return) oder der interne Zinsfuß (IZF / IRR), der Zu- und Abflüsse korrekt berücksichtigt.

YoC ist der Beweis, dass eine Anlage gestiegen ist – kein Beweis, dass sie die beste Wahl war. Die ehrliche Frage lautet: Hätte der gleiche Betrag in einem thesaurierenden ETF nach Steuern mehr ergeben? Diese Frage beantwortet YoC nicht. Die Gesamtrendite schon.