Sequenzrisiko
Was ist sequenzrisiko?
Die Reihenfolge von Renditen ist entscheidend in der Entnahmephase
Sequenzrisiko ist das Risiko, das aus der Reihenfolge von Renditen entsteht, nicht aus ihrem Durchschnitt.
- In der Ansparphase: Die Reihenfolge ist fast irrelevant, das Endkapital ist nahezu gleich
- In der Entnahmephase: Sie ist entscheidend
Wer in den ersten Jahren der Entnahme einen schweren Crash erlebt, muss Anteile zu Tiefpreisen verkaufen. Selbst wenn der Markt sich erholt, ist das Portfolio dann kleiner, und kann die gleiche Entnahmerate nicht mehr tragen.
Ein dramatisches Zahlenbeispiel
Du gehst mit 67 Jahren in Rente, Portfolio 500.000 €, Entnahme 25.000 €/Jahr (5 %)
Szenario A: Erst stark positiv, dann Crash
- Jahre 1–5: +15 % pro Jahr (Portfolio wächst auf 1.019.000 €)
- Jahre 6–10: −20 % pro Jahr (Portfolio fällt, aber bleibt > 500.000 €)
- Nach 15 Jahren: Portfolio ist noch größer als Start
Szenario B: Erst Crash, dann stark positiv
- Jahre 1–5: −20 % pro Jahr (Portfolio fällt auf 163.000 €. Drama!)
- Du musst 125.000 € pro Jahr entnehmen, das Portfolio schrumpft schneller als der Crash
- Jahre 6–10: +15 % pro Jahr (zu spät, Portfolio ist längst zu klein)
- Nach 15 Jahren: Portfolio ist erschöpft
Gleicher Durchschnitt. Drastisch unterschiedliche Ergebnisse.
Best Case (Bull Zuerst)
750.000 €
Starke Jahre zuerst
Worst Case (Bear Zuerst)
150.000 €
Schwache Jahre zuerst
Sequenzrisiko
600.000 €
Differenz
Das Paradox: Zwei Portfolios mit identischer Durchschnittsrendite können 600.000 € Unterschied haben — weil die Reihenfolge zählt.
Für Rentner: Frühe Verluste sind tödlich (man entnimmt mit Verlust-Quote). Sparer sind weniger anfällig.
Die 4%-Regel und ihre Grenzen
Die 4%-Regel (Bengen 1994): Eine jährliche Entnahme von 4 % des Startportfolios war historisch 30 Jahre lang nachhaltig, für US-amerikanische Portfolios, 50/50 Aktien/Anleihen.
Wichtig: Diese Regel ist für lange Zeiträume (30 Jahre) und spezifische Märkte (USA) getestet. In Europa, mit anderen Zinsniveaus und Marktrenditen, ist die sichere Entnahmerate möglicherweise niedriger (3–3,5 %).
Häufiger Fehler: “Wenn mein Portfolio im Schnitt mehr als 4 % erwirtschaftet, kann ich 4 % entnehmen.”
Falsch. Sequenzrisiko kann diese Rechnung ruinieren, selbst wenn die durchschnittliche Rendite stimmt.
Die praktischen Konsequenzen für Rentner
Wer Sequenzrisiko versteht, plant seine Entnahme anders:
- Puffer-Jahr in Cash: Ein Jahr Entnahmen in Cash halten → kein Verkauf bei Crash nötig
- Flexible Entnahmerate: Entnahmen an den Markt anpassen (z.B, weniger in Crash-Jahren)
- Rebalancing-Jahr vor Rente: Schrittweise aus reinen Aktien in gemischte Allokation wechseln
Diese einfachen Anpassungen senken das Ruinrisiko massiv.
Δ-Moment: Die unterschätzte Gefahr
Wer Sequenzrisiko kennt, fürchtet Crashes in den ersten Rentenjahren mehr als in der Ansparphase.
Ein −50 % Crash im Alter 68 ist existenzbedrohend. Ein −50 % Crash im Alter 35 ist eine Chance, billiger nachzukaufen.