Sunk-Cost-Fallacy
Was ist die sunk cost fallacy?
Versunkene Kosten sind irreversibel: Sie existieren in der Vergangenheit und sind für zukünftige Entscheidungen null Information. Wer eine Aktie hält, weil er “schon so viel investiert hat”, trifft keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale. Der Fehler: Das vergangene Geld ist weg, egal was du tust. Die einzige relevante Frage ist, ob die Position heute noch die beste Verwendung deines Kapitals ist.
Einsteiger-Block
Du hast eine Aktie für 10.000 € gekauft. Sie steht jetzt bei 6.000 €. Jemand fragt: “Würdest du diese Aktie heute für 6.000 € kaufen?” Die ehrliche Antwort: Nein. Trotzdem hältst du sie. Warum? Weil du nicht “mit Verlust rausgehen” willst. Das ist die Sunk-Cost-Fallacy in Reinform.
Die 4.000 € Verlust existieren bereits. Sie ändern sich nicht, egal ob du verkaufst oder hältst. Was sich ändert: ob du die verbleibenden 6.000 € in der besten verfügbaren Anlage arbeitest, oder in einer Aktie festhältst, in die du heute kein frisches Geld stecken würdest.
Richard Thaler beschrieb 1980 das klassische Beispiel: Wer eine Tennisplatzmitgliedschaft bereits bezahlt hat, geht auch bei Regen, weil das Geld “schon weg” ist. Rational wäre: Nur spielen, wenn der Nutzen den Aufwand übersteigt, unabhängig vom bereits bezahlten Preis.
Wie die Sunk-Cost-Fallacy beim Investieren wirkt
Halten von Verlustpositionen. Anleger halten Verlierer durchschnittlich 4× länger als rational begründbar (Odean 1998). Der Grund: Ein realisierter Verlust fühlt sich endgültig an. Solange die Position offen ist, gibt es noch Hoffnung auf Erholung, auch wenn die Fundamentaldaten diese Hoffnung nicht rechtfertigen.
Nachkaufen ohne neue Analyse. “Averaging down” klingt rational (durchschnittlichen Einstandskurs senken), aber wenn die Begründung lautet “Ich habe schon so viel investiert, also muss ich den Einstieg verbilligen”, ist das Sunk-Cost-Denken, keine Strategie. Nachkaufen ist nur dann richtig, wenn man die Position zum aktuellen Preis neu analysiert hätte und zu demselben Schluss käme.
Die Break-Even-Falle. “Ich verkaufe, sobald ich meinen Einsatz wieder raus habe.” Wer 50 % verloren hat, braucht ab heute 100 % Rendite, nur um auf null zu kommen. Dem Markt ist dein ursprünglicher Kaufkurs vollkommen gleichgültig. Die Wartezeit auf den Break-Even bindet Kapital in einer schlechten Position, während bessere Alternativen ungenutzt bleiben.
Festhalten an schlechten Strategien. Wer 3 Jahre in aktive Fonds mit schlechter Performance investiert hat, zögert beim Wechsel zu ETFs, nicht wegen rationaler Abwägung, sondern wegen des impliziten Eingeständnisses, 3 Jahre falsch gelegen zu haben.
| Situation | Sunk-Cost-Denken | Rationale Entscheidung |
|---|---|---|
| Aktie −40 % | “Ich kann jetzt nicht verkaufen" | "Würde ich sie heute kaufen?” |
| Aktie −50 %, warten auf Break-Even | ”Noch 100 % fehlen, dann verkaufe ich" | "Ist das hier die beste Nutzung meines Kapitals?” |
| Aktiver Fonds seit 5 Jahren schlechter als Index | ”Ich habe so lange gewartet" | "Was erwarte ich für die nächsten 5 Jahre?” |
| Nachkauf in fallendes Papier | ”Ich verbillige meinen Einstieg" | "Welche Anlage hat die beste erwartete Rendite?” |
Der Selbsttest
Die einfachste Methode, Sunk-Cost-Denken zu unterbrechen:
“Würde ich diese Position heute zu diesem Preis kaufen, wenn ich sie noch nicht hätte?”
Wenn die Antwort Nein ist, gibt es keinen rationalen Grund, sie zu halten. Der Kaufpreis von einst ist irrelevant. Was zählt: Erwarteter Wert der Position ab heute.
Diese Frage funktioniert auch für Strategien: “Würde ich heute mit diesem Ansatz neu anfangen?”. Wenn nicht, warum dann weitermachen?
Die steuerliche Dimension
Wer eine Verlustposition hält, zahlt doppelt:
- Opportunitätskosten: Das gebundene Kapital arbeitet in einer schlechten Position, statt in einer besseren.
- Entgangene Steuerstrategie: Realisierte Verluste können im Verlustverrechnungstopf gegen Gewinne gerechnet werden. Wer 3.000 € Verlust realisiert und gleichzeitig 3.000 € Gewinne hat, zahlt auf die Gewinne null Abgeltungssteuer, spart also 791,25 € (bei 26,375 %). Sunk-Cost-Denken verhindert genau diese Optimierung.
Der echte Erkenntnissprung: Regeln schlagen Emotionen. Wer vorab festlegt, ab welchem Verlust er eine Position überprüft (zum Beispiel: “bei −25 % stelle ich die Kernfrage neu”), muss im Moment der Entscheidung nicht mehr gegen seinen eigenen Schmerz ankämpfen. Die Regel wurde in einer rationalen Stunde gefasst. Der Moment des −40%-Depots ist keine rationale Stunde. Wer Entscheidungsregeln hat, braucht keine emotionale Stärke, er braucht nur Disziplin, die Regel einzuhalten.