Yield on Cost: Warum deine persönliche Dividendenrendite eine Milchmädchenrechnung ist

Yield on Cost klingt beeindruckend – aber die Kennzahl gilt für jeden ETF genauso wie für Einzelaktien. Wir rechnen auf, warum sie mehr vernebelt als erhellt.

„Meine Siemens-Position zahlt mir inzwischen 7,4 % auf meinen Einstandskurs. Da kann kein ETF mithalten.” Solche Sätze begegnen einem in Finanzforen oder auf reddit regelmäßig. Die Zahl stimmt meistens, aber die Schlussfolgerung ist eigentlich komplett falsch.

Was da stolz präsentiert wird, nennt sich Yield on Cost, auf Deutsch auch persönliche Dividendenrendite oder Einstandsrendite. Die Kennzahl sieht beeindruckend aus, je länger man hält und je besser die Aktie gelaufen ist. Das Problem: sie sagt nichts darüber aus, ob die Anlage in das Investment gut war.

Was ist Yield on Cost überhaupt?

Die Formel ist simpel: Yield on Cost (YoC) ist die aktuelle Jahresdividende geteilt durch den ursprünglichen Kaufpreis, ausgedrückt in Prozent:

YoC = Aktuelle Jahresdividende ÷ Kaufpreis × 100

Ein Beispiel: du kaufst eine Aktie für 50 Euro. Damals zahlte das Unternehmen 1 Euro Dividende pro Aktie, also eine Dividendenrendite von 2 %. Zehn Jahre später liegt der Kurs bei 100 Euro, die Dividende bei 3 Euro. Die aktuelle Dividendenrendite beträgt 3 %. Dein Yield on Cost hingegen beträgt 6 %, denn 3 Euro geteilt durch 50 Euro Kaufpreis ergibt 6 %.

Aber: die Kennzahl gilt für alle

Das ist der Denkfehler vieler Dividendeninvestoren. Die YoC-Logik ist kein Alleinstellungsmerkmal von Dividendenaktien, weil sie für jeden ausschüttenden ETF auf dieselbe Weise funktioniert.

Nehmen wir als Beispiel einen ausschüttenden MSCI World ETF. Kaufpreis: 100 Euro. Ausschüttungsrendite zum Kaufzeitpunkt: 1,5 %. Der Kurs verdoppelt sich innerhalb von zehn Jahren auf 200 Euro. Die Ausschüttung steigt proportional mit dem Kurs auf 3 Euro pro Anteil. Die aktuelle Ausschüttungsrendite beträgt weiterhin 1,5 % auf den aktuellen Kurs. Der Yield on Cost hingegen beträgt nun 3 %, denn 3 Euro geteilt durch den Kaufpreis von 100 Euro.

Da die aktuelle Ausschüttung immer als fester Prozentsatz des aktuellen Kurses berechnet wird, steigt das Ergebnis automatisch, wenn der Kurs steigt. Egal ob Einzelaktie oder ETF.

SzenarioKaufpreisKurs heuteAusschüttung heuteAktuelle RenditeYield on Cost
Siemens-Aktie50 €100 €3,00 €3,0 %6,0 %
MSCI World ETF100 €200 €3,00 €1,5 %3,0 %
MSCI World ETF50 €150 €2,25 €1,5 %4,5 %

Der einzige Unterschied zwischen den Zeilen ist Kursniveau, Ausschüttungsrendite und Kaufzeitpunkt, nicht ob es sich um eine Aktie oder einen ETF handelt.

Das Steuer-Problem: Ausschüttungen kosten bares Geld

Der zweite, häufig übersehene Aspekt betrifft die Steuer. Jede Ausschüttung, ob Dividende oder ETF-Ausschüttung, löst in Deutschland sofort Kapitalertragsteuer aus. Der Steuersatz beträgt 25 % plus 5,5 % Solidaritätszuschlag, macht effektiv 26,375 % (Abgeltungssteuer). Bei einem ausschüttenden Aktien-ETF gilt zusätzlich die Teilfreistellung von 30 %, die den zu versteuernden Betrag auf 70 % reduziert.

Das klingt nach einem Steuervorteil für den ETF. Ist es auch, aber nur gegenüber Einzelaktien. Gegenüber einem thesaurierenden ETF verlieren beide minimal. Siehe meinen Artikel zur Vorabpauschale.

Der entscheidende Unterschied zum Thesaurierer: ein thesaurierender Fonds schüttet nichts aus. Das Geld bleibt im Portfolio, compounds unversteuert Jahr für Jahr, und die Steuer fällt erst beim Verkauf an. Das ist der Steuerstundungseffekt und er macht bei langen Anlagehorizonten einen erheblichen Unterschied.

Ein Rechenbeispiel. Ausgangslage: 10.000 Euro, 20 Jahre Horizont, 4 % jährliche Kursrendite plus 1,5 % Ausschüttungsrendite, macht 5,5 % Brutto-Gesamtrendite.

  • Ausschütter (ETF, Teilfreistellung): Die Ausschüttungen werden jährlich besteuert, die Nettoausschüttung wird reinvestiert. Effektive Steuer auf Ausschüttung: 26,375 % × 0,7 = 18,46 % statt 26,375 %.
  • Thesaurierer: Volle Rendite thesauriert, Vorabpauschale wird abgerechnet und Abgeltungssteuer kommt einmalig auf den Gesamtgewinn beim Verkauf.

Der Thesaurierer liegt am Ende spürbar vorne. Die Rendite ist zwar identisch, aber das Geld, das der Ausschütter jedes Jahr ans Finanzamt überweist, arbeitet beim Thesaurierer weiter für dich. Der Unterschied ist zwar nicht riesig, aber er ist da.

Gleich gut reicht nicht! Du musst den Index schlagen

Hier liegt die eigentliche Messlatte, die in der Dividenden-Community recht selten direkt benannt wird.

Wenn du eine Dividendenstrategie fährst, zahlst du jedes Jahr Steuern auf die Ausschüttungen. Ein thesaurierender ETF auf denselben Marktindex tut das nicht (mit Ausnahme der Vorabpauschale). Das bedeutet: selbst wenn dein Dividendenportfolio exakt dieselbe Brutto-Gesamtrendite erzielt wie der Index, landest du nach 20 Jahren mit weniger Geld. Der Steuerunterschied sorgt dafür.

„Gleich gut” ist also nicht die Breakeven-Schwelle. Du musst den Markt um genau die steuerliche Differenz schlagen, und das dauerhaft, Jahr für Jahr. Erst dann entsteht echter Mehrwert.

Wie groß ist diese Hürde? Das hängt von Ausschüttungsrendite und Anlagehorizont ab, aber als Größenordnung: bei 1,5 % Ausschüttungsrendite und 26,375 % Steuersatz verlierst du jedes Jahr etwa 0,4 Prozentpunkte Rendite gegenüber einem Thesaurierer (mit ETF-Teilfreistellung ca. 0,28 Prozentpunkte). Über 20 Jahre summiert sich das durch den Zinseszinseffekt auf eine spürbare Lücke, die dein Portfolio erst aufholen muss, bevor du überhaupt im Plus gegenüber der einfachen Indexanlage bist.

Yield-on-Cost-Rechner

% p.a.
%
Jahre
Einzelaktie
Yield on Cost
Ausschüttender ETF
Yield on Cost
Kaufpreis
Kurs heute
Jährliche Ausschüttung
Steuer darauf – Einzelaktie (26,375 %)
Steuer darauf – ETF (mit Teilfreistellung)

YoC = aktuelle Ausschüttung ÷ Kaufpreis. Da Ausschüttung und Kurs proportional wachsen, ist das Ergebnis für Aktie und ETF identisch – egal wie gut die Anlage gelaufen ist.

Der versteckte Factor Tilt: Value ohne Plan

Es gibt noch eine dritte Dimension, die in der Dividenden-Community selten offen diskutiert wird: Dividendenaktien korrelieren systematisch mit dem Value-Faktor.

Das ist empirisch gut belegt, dass Hochdividenden-Aktien typischerweise niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse, hohe Buchwerte und günstige Bewertungen haben, klassische Merkmale des Value-Faktors aus dem Fama/French-Dreifaktorenmodell. Dieser Faktor hat langfristig eine positive Risikoprämie geliefert, was bedeutet: Dividendenanleger haben in der Vergangenheit tatsächlich eine Mehrrendite erzielt, aber nicht unbedingt wegen der Dividenden, sondern wegen der Value-Eigenschaften der Aktien.

Das Problem ist zweifacher Natur.

Erstens nehmen die meisten Dividendeninvestoren diesen Tilt unbeabsichtigt mit. Sie glauben, sie investieren in „solide Unternehmen mit langer Dividendenhistorie” oder in „Firmen, die ihren Aktionären etwas zurückgeben”. Der eigentliche Renditetreiber, der Value-Faktor, ist in dieser Erzählung gar nicht präsent.

Zweitens ist ein Dividenden-Screen ein unsauberer Value-Screen. Aktien mit hoher Dividendenrendite sind nicht automatisch günstig bewertet. Oft sind es Value Traps: Unternehmen mit sinkenden Gewinnen, die eine historisch hohe Ausschüttungsquote aufrechterhalten, obwohl die wirtschaftliche Basis bröckelt. Ein sauberer Value-Tilt filtert nach Bewertungskennzahlen, nicht nach der Höhe der Dividende.

Wann macht Yield on Cost Sinn?

Nichts davon bedeutet, dass Yield on Cost eine sinnlose Zahl ist. Sie hat einen legitimen Anwendungsfall: als psychologische Metrik für Langzeitanleger.

Wenn du vor zehn Jahren für 50 Euro gekauft hast und heute 4 Euro Dividende bekommst, ist das ein greifbares Signal dafür, dass deine Geduld belohnt wurde. Diese Erfahrung ist real und kann Durchhaltevermögen fördern, was für langfristiges Investieren durchaus wertvoll ist.

Sinnvoll ist YoC auch, um die Entwicklung der Ausschüttung über Zeit im Blick zu behalten. Steigt die YoC, weil die Dividende gewachsen ist (nicht weil der Kurs fiel)? Das ist ein echter Qualitätsindikator für Dividendenwachstum. Die sauberere Kennzahl dafür wäre allerdings die Dividend Growth Rate, also das jährliche Dividendenwachstum in Prozent.

Was YoC nicht kann: als Vergleichsmaßstab zwischen verschiedenen Anlagen dienen. Wer seine YoC von Siemens mit dem aktuellen Zinsniveau oder der Rendite eines ETFs vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Die relevante Frage lautet immer: welche Gesamtrendite, Kurs plus Ausschüttung, hat meine Anlage erwirtschaftet? Dafür gibt es bessere Werkzeuge.

Fazit

Yield on Cost ist keine schlechte Zahl. Aber sie ist eine schlechte Begründung.

Wer behauptet, seine Dividendenstrategie sei überlegen, weil der Yield on Cost beeindruckend aussieht, übersieht drei Dinge: Erstens hat jeder gut gelaufene ausschüttende ETF dieselbe Kennzahl. Zweitens kostet die jährliche Ausschüttungsbesteuerung langfristig echtes Kapital. Drittens steckt hinter dem Mehrertrag von Dividendenaktien vermutlich der Value-Faktor, den man effizienter und kostengünstiger über einen Value-ETF oder ähnliches bekommt.


Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Steuerliche Angaben beziehen sich auf den deutschen Rechtsstand (KESt 25 % + 5,5 % Soli = 26,375 %, Teilfreistellung 30 % für Aktienfonds). Individuelle steuerliche Situationen können abweichen.