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Berechnungsmethodik

Diese Seite legt offen, wie der EV-Reichweiten-Simulator arbeitet: welche physikalischen Modelle dahinterstecken, welche Vereinfachungen bewusst gewählt wurden und wo die Grenzen des Modells liegen.

1. Grundprinzip: WLTP-kalibriertes Modell

Der Simulator verwendet keinen reinen Physikansatz, der nur Luft- und Rollwiderstand rechnet, sondern ein WLTP-kalibriertes Modell. Ausgangspunkt ist der offizielle WLTP-Verbrauchswert des Fahrzeugs. Er stammt aus einem kombinierten Zyklus mit Stadt-, Überland- und Autobahnanteil.

Reine Physikformeln unterschätzen den Verbrauch im Stadtverkehr deutlich (~76 Wh/km statt realer 150–180 Wh/km), weil Beschleunigungs- und Bremsvorgänge, Nebenverbraucher und Reifenerwärmung fehlen. Der WLTP-Wert enthält diese Effekte bereits.

Der WLTP-Wert dient als Ankerpunkt. Je nach Fahrprofil korrigiert das Modell ihn nach oben oder unten. Für die Autobahn rechnet es mit einem eigenen, fahrzeugspezifischen Physikmodell (Abschnitt 2b).

2. Fahrprofil-Korrekturfaktoren

Für die Profile Urban, Suburban und Mixed wird der WLTP-Verbrauch mit einem pauschalen Faktor  multipliziert:

Basisverbrauch nach Profil (Urban / Suburban / Mixed)

Einheit: Wh/km

Profilk_profilØ GeschwindigkeitBegründung
Urban33 km/hStop-and-go: mehr Beschleunigungs- und Bremsverluste als im WLTP
Suburban65 km/hGleichmäßig 60–70 km/h, günstig für E-Autos
Mixed75 km/hEntspricht WLTP-Zyklus-Mischung

Das Autobahn-Profil verwendet keinen pauschalen Multiplikator, sondern ein fahrzeugspezifisches Physikmodell (siehe Abschnitt 2b).

2b. Autobahnverbrauch: physikbasiertes Modell

Auf der Autobahn dominiert der aerodynamische Luftwiderstand. Da dieser quadratisch mit der Geschwindigkeit wächst, ist ein fester Faktor für alle Fahrzeuge ungeeignet. Ein Tesla Model 3 (cw = 0,22) verhält sich bei 130 km/h deutlich anders als ein VW ID.4 (cw = 0,28). Das Modell berechnet den Verbrauch deshalb direkt aus den Fahrzeugdaten.

Aerodynamische Widerstandskraft

ρ(T) = 1,225 kg/m³ × 288,15 K / (273,15 K + T): Kalte Luft ist dichter, bei −20 °C steigt der Luftwiderstand um rund 14 % gegenüber 15 °C | cw und A fahrzeugspezifisch

Rollwiderstandskraft

c_rr = 0,012 (moderne E-Auto-Reifen auf Asphalt) | m: Fahrzeugmasse | g = 9,81 m/s²

Mechanischer Verbrauch in Wh/km

F in Newton | 1 N = 1 J/m = 1/3,6 Wh/km | η_Antrieb: fahrzeugspezifischer Antriebswirkungsgrad

Der Korrekturfaktor passt die Geschwindigkeitsabhängigkeit an Messwerte an. Reine Aerodynamik unterschätzt die Zunahme des Verbrauchs zwischen 90 und 120 km/h um ca. 7–8 %. Als Ursachen gelten überproportional wachsende Reifenwärmeverluste, nichtlineare Wechselrichterverluste bei hoher Drehzahl und Verluste der Kraftverteilung bei Allradantrieb.

Kalibrierung:In Bjørn Nylands Reichweitentests (Sommerfahrten mit 90 und 120 km/h) steigt der Verbrauch im Mittel über die Fahrzeuge um den Faktor 1,391. Das reine Physikmodell liefert 1,297. Daraus ergibt sich . Ausgewertet wurden die Sommerfahrten der Modelle, die auch in unserer Datenbank stehen, aus Nylands Tabelle mit insgesamt 644 Testfahrten.
Abgleich Oktober 2026: Gegen 46 aktuelle Nyland-Fahrten und 11 ArenaEV-Tests unterschätzt das Modell die Autobahn-Reichweite derzeit: im Median um rund 12 % bei 90 km/h, 5 % bei 120 km/h und 16 % bei 130 km/h. Gegen drei ADAC-Ecotest-Protokolle liegt der berechnete Verbrauch dagegen rund 30 % zu niedrig, weil der Ecotest-Zyklus deutlich härter ist als unser Mixed-Profil. Die Abweichungen sind dokumentiert und fließen in die nächste Überarbeitung der Kalibrierung ein (Messdaten: Nyland Testdaten, ArenaEV und ADAC Ecotest).

Die WLTP-Kalibrierungsorgt dafür, dass das Modell bei seinem Ankertempo von 75 km/h (Tempo des Mixed-Profils) den offiziellen WLTP-Verbrauch trifft. Die Differenz zwischen dem physikalisch berechneten Wert bei 75 km/h und dem WLTP-Wert setzt das Modell als Nebenverbraucher-Aufschlag  an. Er steht für Klimabereitschaft, Nebenaggregate und Zyklusverluste, die das reine Kraftgleichgewicht nicht erfasst:

WLTP-Anker bei 75 km/h

Einheit: Wh/km | Luftdichte hier fest bei 1,225 kg/m³

Diese Verbraucher ziehen eher eine konstante Leistung als eine konstante Energie pro Kilometer. Das Modell rechnet den Aufschlag deshalb auf die Reisegeschwindigkeit um: Je schneller du fährst, desto mehr Kilometer legst du pro Stunde zurück und desto kleiner wird der Aufschlag pro Kilometer.

Autobahnverbrauch bei Reisegeschwindigkeit v

Einheit: Wh/km | v ∈ [80, 150] km/h

Die Reisegeschwindigkeit lässt sich im Simulator zwischen 80 und 150 km/h einstellen, per Schieberegler oder Schnellauswahl. Für jedes Fahrzeug fließen cw-Wert, Stirnfläche, Masse und Antriebswirkungsgrad einzeln ein.

3. Rekuperation (Bremsenergie-Rückgewinnung)

Elektrische Antriebe können beim Bremsen Energie zurückgewinnen. Das Modell zieht dafür den profilabhängigen Rekuperationsanteil  ab. Beim Autobahnprofil tritt an die Stelle von :

Nettoverbrauch nach Rekuperation

Einheit: Wh/km

Profilf_regenBegründung
UrbanHäufige Bremsvorgänge → hohe Rückgewinnung
SuburbanWenige Bremsmanöver
AutobahnKaum Bremsen, fast keine Rückgewinnung
MixedMittelwert der Fahrsituationen

Bei Kälte begrenzen viele Batteriemanagementsysteme die Rekuperation, um den kalten Akku zu schützen. Unter −5 °C senkt das Modell deshalb linear, bis die Rückgewinnung bei −25 °C ganz entfällt:

Rekuperation bei Kälte (T < −5 °C)

4. Fahrstil-Modifikator

Der Fahrstil-Parameter  skaliert den Nettoverbrauch. Der Effekt wird gedämpft (Faktor 0,55), da das WLTP-Profil bereits eine moderate Fahrweise repräsentiert:

Fahrstil-Faktor

Eingabe sk_styleAuswirkung
−8,3 %
±0 %
+13,8 %

5. Zusatzlast

Dachbox und Anhänger erhöhen Luftwiderstand und Masse. Das Modell bildet das als prozentualen Aufschlag  auf den Nettoverbrauch ab:

Modifizierter Gesamtverbrauch (ohne Klima)

Einheit: Wh/km

Dabei gilt: (keine Last), (Dachbox), (Anhänger).

6. Klimaanlage & Heizung

Heizung und Kühlung werden als additiver Term auf den Fahrverbrauch aufgeschlagen. Die Leistungsaufnahme in kW wird über die Profil-Durchschnittsgeschwindigkeit  in Wh/km umgerechnet:

Klimaverbrauch in Wh/km

v_profil: Urban 33 | Suburban 65 | Mixed 75 km/h | Autobahn: eingestellte Reisegeschwindigkeit (80–150 km/h)

Heizmodus ():

Rohheizleistung

C_th: thermischer Leitwert der Kabine (Wärmeverlust je Grad Temperaturdifferenz). Klein: 0,055 | Mittel: 0,085 | Groß: 0,115 kW/°C; a_klima ∈ [0, 1]

Mit Wärmepumpe (COP > 1)

COP sinkt bei sehr tiefen Temperaturen: bei −10 °C ≈ 1,7 (Untergrenze); bei +10 °C ≈ 2,1

Ohne Wärmepumpe (PTC-Widerstandsheizung)

Kein Effizienzgewinn: 1 kW Strom ergibt 1 kW Wärme

Kühlmodus ():

Klimaanlagenleistung

P_AC,max: Klein 1,5 kW | Mittel 2,0 kW | Groß 2,8 kW (Dauer-Kühllast, nicht Anlaufspitze). Der Lastfaktor h wächst mit der Hitze über 20 °C und erreicht bei 40 °C seinen Höchstwert.

Wärmepumpen-Vorteil:Bei −10 °C erzeugt eine Wärmepumpe ca. 1,7 kWh Wärme pro kWh Strom (COP-Untergrenze). Eine PTC-Heizung erzeugt nur 1,0 kWh. Daher kommt der deutliche Reichweitenvorteil bei Kälte.

7. Batterie-Kälteeffekt

Kälte erhöht den Innenwiderstand von Lithium-Ionen-Zellen. Dadurch sinkt die effektiv abrufbare Kapazität. Das Modell bildet das als Multiplikator  auf die nutzbare Kapazität ab. Mit Wärmepumpe fällt der Effekt kleiner aus, weil das Thermomanagement den Akku wärmer hält:

Batterie-Effizienz bei Kälte

Temperaturη_bat ohne WPη_bat mit WP
+15 °C und wärmer
+5 °C
0 °C
−10 °C
−20 °C

8. Nutzbare Energie & SOC-Fenster

Die für die Fahrt verfügbare Energie ergibt sich aus der nutzbaren Kapazität, dem eingestellten Batteriezustand , dem Ladefenster ( bis ) und dem Kälteeffekt:

Verfügbare Energie

Einheit: kWh | SoH: Batteriezustand in Prozent der Neukapazität (Standard 100 %)

Ladeverluste fließen bewusst nicht in die Reichweite ein. Energie, die bereits im Akku ist, treibt das Auto an, egal wie verlustreich sie geladen wurde. Der Ladewirkungsgrad (AC ≈ 0,88, DC ≈ 0,965) wirkt nur auf die Ladezeit.

Warum 20–80 % als Standard?
Lithium-Ionen-Zellen altern schneller, wenn sie regelmäßig auf 100 % geladen oder sehr tief entladen werden. Außerdem sinkt die Ladeleistung am Schnelllader oberhalb von etwa 80 % stark, deshalb enden Ladestopps auf Reisen meist dort.

9. Reichweite & WLTP-Vergleich

Gesamtverbrauch

Einheit: Wh/km

Reichweite

Einheit: km

Abweichung vom WLTP-Normwert

Da der Simulator standardmäßig ein 20–80 % SOC-Fenster verwendet (60 % der Kapazität), die WLTP-Angabe aber auf voller Kapazität basiert, liegt unter Standardbedingungen schon rechnerisch bei ca. −40 %. Das ist gewollt, denn im Alltag nutzt kaum jemand die volle Kapazität. Für einen direkten Vergleich mit der WLTP-Angabe wählst du das Fenster 5–100 %.

10. Reichweiten-Spanne

Die berechnete Reichweite ist eine Punktschätzung. Reale Schwankungen durch Wind, Fahrbahnzustand, Reifenalter und Steigungen werden durch eine Unsicherheitsspanne abgebildet:

Reichweiten-Spanne

Einheit: km

Die Unsicherheit ist nicht fest, sondern wächst mit den gewählten Bedingungen: Ausgangswert ±8 % unter milden Bedingungen, dazu ein Zuschlag für jeden Faktor, den das Modell weniger sicher abbildet. Die Zuschläge addieren sich, die Spanne bleibt aber im Bereich 8–30 %.

BedingungZuschlag auf u
Ausgangswert (milde Bedingungen)±8 %
Temperatur oder +3 %
Temperatur oder (Extrapolation)+4 %
Keine Wärmepumpe und +3 %
Autobahn +3 %
Autobahn +2 %
Batteriezustand < 85 %+2 %
Zusatzlast (Dachbox / Anhänger)+1 %

11. Konfidenz-Indikator

Der Konfidenz-Score gibt an, wie verlässlich die Schätzung unter den gewählten Bedingungen ist. Er startet bei 85 % und bleibt immer zwischen 50 und 95 %:

BedingungAnpassung
Modelljahr ab 2025+3 % (aktuellere Datenbasis)
Autobahn-Profil (Physikmodell)+3 % (direktere Berechnung, kalibriert)
Temperatur oder −12 % (Extrapolation außerhalb der Datenbasis)
Keine Wärmepumpe und Temperatur −3 % (Widerstandsheizung schwerer abzuschätzen)

12. Grenzen & bewusste Vereinfachungen

  • Konstante Durchschnittsgeschwindigkeit je Profil: Echte Geschwindigkeitsverläufe und Ampelphasen werden nicht simuliert.
  • Kein Höhenprofil: Steigungen und Gefälle sind nicht berücksichtigt. Lange Bergauf-Passagen können den Verbrauch deutlich erhöhen, bergab holt die Rekuperation nur einen Teil davon zurück.
  • Vereinfachte Ladekurve: Die DC-Ladekurve ist als stückweise lineare Näherung modelliert, mit konstanter Spitzenleistung bis zu einem fahrzeugspezifischen Ladestand und danach linearem Abfall. Reale Ladekurven sind feiner gestuft. Die Näherung trifft die Ladezeit gut, aber nicht jeden Momentanwert.
  • Keine Vortemperierung:Aktives Vorheizen oder Vorkühlen der Batterie (z. B. bei Navigation zum Schnelllader) ist nicht modelliert.
  • Batteriealterung nur pauschal: Der einstellbare Batteriezustand kürzt die nutzbare Kapazität. Weitere Alterungsfolgen wie ein höherer Innenwiderstand sind nicht abgebildet.
  • Kein Windeinfluss: Gegen- oder Rückenwind verändert den Verbrauch erheblich, lässt sich aber nicht eingeben.

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