P2P-Kredite: Risiko, Rendite und der große Realitätscheck

P2P-Kredite gelten als zu riskant. Aber der Vergleich stimmt meist nicht. Was bleibt nach Ausfällen und Steuern übrig, und für wen lohnt es sich?

Wer 2020 mit P2P angefangen hat, kennt die Sequenz: rein, Schlagzeilen, raus, bereut. So war’s zumindest bei mir. 2022 dann die Ukraine-Krise, Berichte über ausgefallene Portfolios, immer noch vorhandene oder erneute Skepsis. Und trotzdem gibt es heute eine wachsende Gruppe von Anlegern, die still und automatisiert 8 bis 12 % brutto auf ihren P2P-Positionen verdienen, ohne dass die meisten ihrer Bekannten davon wissen - zumindest bei mir, again. Was wissen die, oder vermeinen sie zu wissen, was der Konsens nicht sieht?

Die Antwort ist nicht, dass P2P risikolos wäre. Die Antwort ist, dass die Anlageklasse fast immer gegen die falsche Benchmark verglichen wird, und dass ihre Risikostruktur deutlich differenzierter ist, als „zu riskant” suggeriert. Zumindest ist das meine insgeheime Hoffnung.

Das eigentliche Problem ist oft der falsche Vergleich

In der deutschsprachigen Finanz-Community läuft P2P seit Jahren oft gegen eine implizite Benchmark: Tagesgeld oder Festgeld. Wer sagt „10 % Ertrag durch P2P sind zu riskant für das, was du raus bekommst”.

Konsequent müsste man dann auch Aktien ablehnen. Ein breit gestreuter Aktien-ETF trägt Marktrisiko, Drawdown-Risiko, Währungsrisiko, und trotzdem gilt er als das vernünftige Standardinstrument. P2P nicht gegen Aktien direkt zu vergleichen und zu sagen „zu viel Risiko für die Mehrendite gegenüber Tagesgeld” ist ungefähr so konsistent, wie einen MSCI World ETF gegen Bundesanleihen zu vergleichen und zu sagen „zu viel Risiko für 7 Prozentpunkte mehr.”

Die Risikostruktur: drei Ebenen, die man trennen muss

Risiko bei P2P ist kein monolithischer Block. Es gibt drei strukturell unterschiedliche Risikoebenen, die sich sehr unterschiedlich in der realen Welt verhalten.

Ebene 1: Einzelkreditrisiko (diversifizierbar auf nahezu null)

Jeder einzelne Kredit kann ausfallen. Das ist das offensichtlichste Risiko bei P2P, und es ist gleichzeitig das, das am einfachsten zu handhaben ist. Wer sein Kapital auf hunderte oder tausende Kredite verteilt, verschiedene Kreditnehmer-Profile, Laufzeiten und Regionen mischt, drückt das Einzelkreditrisiko statistisch gegen null. Das Prinzip ist identisch mit dem Einzelaktienrisiko bei Aktienanlagen: Auch dort verschwindet das unternehmensspezifische Risiko im gut diversifizierten Portfolio.

Die Plattformen helfen dabei aktiv. Auto-Invest-Funktionen bei Mintos, Viainvest oder Indemo investieren automatisch nach vordefinierten Kriterien und verteilen Kapital ohne emotionale Entscheidungen. Das ist verhaltensökonomisch ein echter Vorteil: keine Panikreaktion auf Schlagzeilen, keine Konzentration in vermeintlich sicheren Einzelkrediten.

Ebene 2: Plattform- und Originator-Risiko (teilweise diversifizierbar)

Wenn eine Plattform oder ein Kreditgeber (Loan Originator) ausfällt, ist das nicht mehr durch Kreditdiversifikation abzufedern. Das ist das reale Risiko, das 2020 und 2022 zu den großen Schlagzeilen geführt hat: nicht ausgefallene Kredite, sondern ausgefallene Originatoren.

Hier greift Diversifikation auf Plattform- und Originatorebene. Wer auf drei bis fünf unterschiedliche Plattformen setzt, mit jeweils mehreren Originatoren nach Qualitätsmerkmalen selektiert, reduziert dieses Risiko erheblich. Komplett eliminieren lässt es sich nicht, aber es lässt sich steuern. Bei Mintos beispielsweise bieten sich Qualitätsratings und die Liquidität der Originatoren als Auswahlkriterien an; ein Fokus auf EUR-denominierte, hochbewertete Kreditgeber ist eine defensivere Spielweise, die deutlich weniger Originator-Exposure trägt als eine Hochzins-Maximierungsstrategie. Problematisch wird es, wenn die Plattform aus einem einzelnen Originator besteht, oder wenn die Plattform selbst in Schwierigkeiten gerät. Das ist das Risiko, das man durch Diversifikation auf Plattformebene reduzieren kann.

Ebene 3: Systemisches Risiko (nicht diversifizierbar)

Kein Einlagenschutz, keine Börsenaufsicht im klassischen Sinne, kein Market Maker in der Krise. Das ist das Totalausfallrisiko der gesamten Asset-Klasse. Kann definitiv passieren und sollte nicht kleingeredet werden.

Gleichzeitig muss man es einordnen. Erstens: Dieses Risiko ist durch den Portfolioanteil kontrollierbar. Wer 10 % seines Portfolios in P2P hat, verliert im Worst Case 10 %. Das ist schmerzhaft, aber nicht portfoliovernichtend. Zweitens: Die regulatorische Lage hat sich seit 2022 strukturell verbessert. Die Wahrscheinlichkeit ist signifikant höher als bspw. bei ETFs, aber mittlerweile deutlich geringer als noch 2020.

Die ECSP-Regulierung: ein echter Wendepunkt

Seit November 2023 gilt die EU-Crowdfunding-Verordnung (ECSP) verpflichtend für alle Plattformen, die weiterhin Kredite in der EU vermitteln wollen, sehr relevant für jeden P2P-Anleger, daher kein bürokratisches Detail. Sobald eine kritische Masse lizenzierter Anbieter vorhanden ist, dürfte eine fehlende ECSP-Lizenz aus Anlegersicht als Warnsignal gelten, was eine natürliche Marktbereinigung erzwingt.

Die ECSP-Lizenz erlaubt Plattformen, EU-weit tätig zu sein und verpflichtet sie zu einem einheitlichen Regelwerk: Kapitalanforderungen, Kundengeldtrennung, Transparenzpflichten, Anlegerschutzstandards. Für Anleger bedeutet das: Die Plattformen, die heute noch aktiv sind und eine ECSP-Lizenz tragen, haben einen Prozess durchlaufen, den viele kleinere oder schlechter geführte Anbieter nicht überlebt haben. Der Markt ist bereinigter als 2019.

Die Plattform-Landschaft 2026 - eine kleine Auswahl

Mintos

Unangefochtene Nummer eins in Europa, mit ECSP-Lizenz und lettischer FCMC-Regulierung. Das Marktplatz-Modell trennt Plattform- und Originator-Risiko klar: Mintos vermittelt, die Kreditgeber vergeben. Das macht die Risikoanalyse aufwändiger, aber auch transparenter. Wer auf hohe Originator-Reputation, EUR-Denomination und liquide Kreditgeber setzt, betreibt die defensivste Spielweise auf der Plattform. Der Sekundärmarkt funktioniert in normalen Marktphasen gut und gibt Liquidität, die P2P grundsätzlich nicht hat.

Viainvest

Lettisch, ECSP-lizenziert, Via SMS Group als direkte Muttergesellschaft. Das ist ein wichtiger Strukturunterschied zu reinen Marktplätzen: Plattform und Kreditgeber sind dieselbe wirtschaftliche Einheit. Das bedeutet kein Originator-Diversifikationspotenzial innerhalb der Plattform, aber auch mehr Direktkontrolle und konsistente Kreditqualität. Die historische Performance ist stabil, die Transparenz bei der Steuerdokumentation zuverlässig.

Indemo

Neuerer Player mit fokussiertem Ansatz auf Immobilienentwicklungskredite in Litauen. Das Risikoprofil unterscheidet sich strukturell von Konsumkreditplattformen: besichertes Kapital, aber höhere Illiquidität und Klumpenrisiko auf Projektebene. Interessant als Beimischung für Anleger, die ein anderes Kreditprofil suchen als kurzlaufende Konsumkredite.

Bondora (Go & Grow)

Mit aktuell 6 % p.a. ist Go & Grow 2026 eher weniger attraktiv. Bei 2 bis 3 % Tagesgeld schrumpft die Risikoprämie auf 3 bis 4 Prozentpunkte, bei einem Produkt ohne Einlagenschutz und mit eingeschränkter Liquidität in Stressphasen (2020 hat Bondora Auszahlungen gedrosselt). Go & Grow hat sich damit aus dem attraktiven Bereich herausgepricet. Als Einstiegsprodukt für absolute Anfänger taugt es noch, als Renditequelle für informierte Anleger nicht mehr. Einige nutzen Go & Grow als Tagesgeldersatz, was angesichts der Risiken nicht zu empfehlen ist. Die Verfügbarkeit von Echtzeitüberweisungen trügt über die Illiquidität in Stressphasen hinweg.

PeerBerry

Litauisch, ohne ECSP-Lizenz, aber mit Aventus Group als solidem Backing und historisch stabiler Performance. Zeigt, dass reguliert nicht automatisch sicherer und nicht-reguliert nicht automatisch gefährlicher bedeutet. Für Anleger mit höherer Risikotoleranz auf Plattformebene durchaus interessant.

Rendite ehrlich gerechnet: Brutto ist nicht netto

Das ist der methodisch schwierigste, aber wichtigste Teil. P2P-Renditen werden fast immer in Bruttozahlen kommuniziert, MSCI-World-Renditen dagegen historisch, also nach Kursverlusten und Dividenden, aber vor Steuern. Ein fairer Vergleich braucht gleiche Ebene.

KennzahlP2P (defensiv)P2P (offensiv)MSCI World
Bruttorendite8,0 %12,0 %~10,0 %
Abzgl. Ausfälle1,5 %1,5 %bereits enthalten
Nach Ausfällen6,5 %10,5 %~10,0 %
Effektive Steuer26,4 %26,4 %~18,5 %*
Nach Steuern4,8 %7,7 %~8,2 %

*MSCI World profitiert von der 30-prozentigen Teilfreistellung für Aktienfonds. Dadurch liegt der effektive Steuersatz bei ca. 18,5 % statt 26,4 %. Das ist ein struktureller Steuervorteil von ETFs gegenüber P2P.

Aus 10.000 € werden in 10 Jahren:

  • Tagesgeld (2 % brutto, nach Steuern 1,5 %): 11.600 €
  • P2P defensiv (nach Ausfällen und Steuern, ~4,8 %): 15.900 €
  • P2P offensiv (nach Ausfällen und Steuern, ~7,7 %): 20.900 €
  • MSCI World (historisch, nach Steuern, ~8,2 %): 21.900 €

Das Ergebnis ist ernüchternd und aufschlussreich zugleich. Defensive P2P-Allokationen schlagen Tagesgeld deutlich, kommen aber an den MSCI World nach Steuern nicht heran. Offensive P2P-Strategien liegen annähernd auf Augenhöhe mit Aktien, aber ohne die Volatilität: keine zwischenzeitlichen 40-Prozent-Drawdowns, keine emotionalen Verkaufssituationen. Für Anleger, die Volatilität schlecht tolerieren oder ihr Portfolio glätten wollen, ist das ein realer Vorteil.

Steuern: warum P2P kein „Fire and forget” ist

Hier liegt einer der echten Nachteile von P2P gegenüber einem inländischen ETF-Sparplan beim deutschen Broker.

Was automatisch funktioniert beim ETF: Dein Broker führt Kapitalertragsteuer automatisch ab. Freistellungsauftrag ist hinterlegt, Steuerbescheinigung kommt Ende Jahr, fertig.

Was bei P2P manuell ist: Die meisten ausländischen Plattformen behalten keine Steuern ein. Du musst alle Zinserträge selbst in der Steuererklärung angeben, in der Anlage KAP unter „Kapitalerträge, die nicht dem inländischen Steuerabzug unterlegen haben”. Kein automatischer Freistellungsauftrag, kein automatischer Abzug. Die meisten großen Plattformen (Mintos, Viainvest, PeerBerry) liefern inzwischen strukturierte Jahresberichte, was die Arbeit erheblich reduziert. Mit einem Tool wie Buhl Tax oder WISO ist es handhabbar, aber es ist Aufwand. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, wenn man halbwegs Spaß am Verwalten der eigenen Finanzen hat, ist das kein Problem.

Verlustverrechnung bei Kreditausfällen: Verluste aus nicht zurückgezahlten Darlehen können steuerlich geltend gemacht werden, wenn der Ausfall endgültig ist und ein Nachweis der Uneinbringlichkeit vorliegt. Diese Verluste dürfen mit anderen Kapitalerträgen verrechnet werden. Ein automatischer Ausgleich durch die Plattform erfolgt jedoch nicht. Das bedeutet: Du musst aktiv belegen, dass ein Kredit endgültig ausgefallen ist, nicht nur überfällig.

Die alternative Besteuerung (Stundungseffekt): Die alternative Besteuerung beruht auf dem Zuflussprinzip des deutschen Einkommensteuerrechts. Es besagt, dass Einnahmen steuerlich dem Jahr zuzuordnen sind, in dem sie dem Steuerpflichtigen zugeflossen sind. Vertreter der alternativen Besteuerung argumentieren, dass Zinsen auf einer P2P-Plattform, auf die man nicht frei zugreifen kann, noch nicht zugeflossen sind. In der Praxis bedeutet das: Zinsen werden erst dann versteuert, wenn sie auf dein Bankkonto ausgezahlt werden, nicht wenn sie auf der Plattform gutgeschrieben werden. Das verschiebt die Steuerlast zeitlich und hält den Zinseszinseffekt länger intakt.

Für wen lohnt sich P2P wirklich?

Wenn du noch nicht in P2P investiert bist: Fang nicht mit P2P an, bevor dein ETF-Sparplan läuft. Das ist das Basisportfolio. P2P ist eine Beimischung für den Teil des Portfolios, den du nicht für Volatilitäts-Downturns nutzen willst, der aber trotzdem mehr als Tagesgeld-Rendite erzielen soll. 5 bis 15 % des Gesamtportfolios sind ein sinnvoller Rahmen.

Wenn du P2P bereits im Portfolio hast: Überprüfe die Plattform-Selektion. Sind deine Plattformen ECSP-lizenziert oder haben eine stabile Regulierungsbasis? Wie ist die Originator-Qualität? Nutzt du Auto-Invest konsequent, oder sitzen Mittel unverzinst auf der Plattform? Die größten Renditevernichter bei P2P sind keine Kreditausfälle, sondern schlechte Originator-Selektion und Cash-Drag durch nicht-reinvestierte Mittel.

Wenn du P2P wegen der Schlagzeilen gemieden hast: Überleg, gegen welche Benchmark du vergleichst. Wenn du Tagesgeld als Vergleich nimmst, ist P2P riskanter, keine Frage. Wenn du P2P im Kontext eines diversifizierten Portfolios siehst, wo es den risikoreicheren Anteil ergänzt, und wenn du die Nettorendite nach Ausfällen und Steuern berechnest, sieht das Bild deutlich differenzierter aus.