Woher kommen Aktien und Anleihen eigentlich?

Primärmarkt, Sekundärmarkt, Börsen und Broker — wie Wertpapiere entstehen und gehandelt werden. Verständlich erklärt für Einsteiger.

Du öffnest deine Broker-App, tippst auf „Kaufen”, und Sekunden später gehört dir ein kleines Stück eines Unternehmens. Aber hast du dich jemals gefragt: Woher kommen diese Aktien eigentlich? Wer hat sie „gemacht”? Und warum gibt es überhaupt Anleihen?

In diesem Artikel schauen wir uns an, wie Wertpapiere entstehen, wer sie ausgibt, und wie sie schließlich auf deinem Bildschirm landen.

Was sind Aktien und Anleihen?

Bevor wir ins Detail gehen, kurz die Grundlagen:

AktieAnleihe
Was ist das?Ein Anteil am Eigenkapital eines UnternehmensEin Kredit, den du einem Unternehmen oder Staat gibst
Dein StatusMiteigentümerGläubiger
RenditeDividende + Kursgewinne (unsicher)Festgelegter Kupon (planbar)
RisikoHöher — Kurs kann stark schwankenNiedriger — aber Ausfallrisiko besteht
LaufzeitUnbegrenztFestgelegt (z.B. 5 oder 10 Jahre)

Aktien geben dir Mitspracherechte und du profitierst, wenn das Unternehmen wächst. Anleihen sind im Grunde ein Darlehen: Du leihst Geld und bekommst dafür regelmäßig Zinsen.

Der Primärmarkt: Wo Wertpapiere entstehen

Der Primärmarkt ist der Ort, an dem Wertpapiere zum ersten Mal verkauft werden. Hier fließt das Geld direkt an den Emittenten — also an das Unternehmen oder den Staat, der das Wertpapier herausgibt.

Aktien: Der Börsengang (IPO)

Stell dir vor, Lisa hat vor drei Jahren die TechStart GmbH gegründet. Das Unternehmen läuft gut, aber Lisa braucht 50 Millionen Euro, um international zu expandieren. Sie hat drei Optionen:

  1. Einen Bankkredit aufnehmen — aber das belastet die Bilanz mit Schulden
  2. Einen Investor suchen — aber private Investoren wollen oft viel Kontrolle
  3. An die Börse gehen — viele kleine Investoren kaufen Anteile

Lisa entscheidet sich für Option 3: einen IPO (Initial Public Offering), also einen Börsengang.

So läuft das ab:

  1. Lisa beauftragt eine Investmentbank als Begleiter
  2. Das Unternehmen wird geprüft und ein Wertpapierprospekt erstellt (eine Art Beipackzettel)
  3. Die Bank spricht mit institutionellen Investoren und ermittelt, welchen Preis der Markt bereit ist zu zahlen (Bookbuilding)
  4. Am Tag des IPO werden die Aktien zum festgelegten Preis an die ersten Käufer ausgegeben
  5. Ab sofort können diese Aktien an der Börse weitergehandelt werden

Warum verkauft Lisa überhaupt Anteile? Weil sie frisches Kapital bekommt, ohne Schulden zu machen. Im Gegenzug gibt sie einen Teil der Kontrolle ab — die neuen Aktionäre haben Stimmrechte.

Anleihen: Die Emission

Auch Anleihen werden auf dem Primärmarkt „geboren”. Wenn die Bundesrepublik Deutschland oder ein Konzern wie Siemens Geld braucht, kann eine Anleihe ausgegeben werden.

Wie funktioniert das?

Nehmen wir an, die TechStart GmbH (jetzt TechStart AG, nach dem Börsengang) braucht nochmal 20 Millionen Euro — diesmal will Lisa aber keine weiteren Aktien ausgeben. Also emittiert sie eine Unternehmensanleihe.

Die Eckdaten der Anleihe:

  • Nennwert: 1.000 € pro Stück
  • Kupon (Zinssatz): 4,5 % pro Jahr
  • Laufzeit: 5 Jahre
  • Rückzahlung: 100 % des Nennwerts am Ende der Laufzeit

Es gibt zwei gängige Wege, wie Anleihen platziert werden:

  • Auktion: Besonders bei Staatsanleihen üblich. Investoren geben Gebote ab und die Anleihe wird an die besten Bieter zugeteilt.
  • Syndikat: Eine oder mehrere Banken übernehmen die Platzierung und verkaufen die Anleihe an ihre Kunden.

Warum kaufen Investoren Anleihen? Weil sie planbare Zinszahlungen bekommen und am Ende der Laufzeit ihr Geld zurück. Das Risiko ist meist geringer als bei Aktien — aber ein Ausfallrisiko besteht immer.

Warum gibt ein Unternehmen Anleihen aus statt Aktien? Weil es keine Eigentumsanteile abgeben muss. Zinsen sind zudem steuerlich absetzbar.

Der Sekundärmarkt: Wo du handelst

Nachdem Wertpapiere auf dem Primärmarkt ausgegeben wurden, wechseln sie auf den Sekundärmarkt. Hier kaufen und verkaufen Anleger untereinander — das Unternehmen bekommt davon kein Geld mehr.

Wenn du in deiner App eine Aktie kaufst, handelst du fast immer auf dem Sekundärmarkt.

Börsen

Eine Börse ist ein organisierter Marktplatz mit festen Regeln. In Deutschland gibt es mehrere:

  • Xetra (elektronisch, größtes Handelsvolumen)
  • Frankfurter Wertpapierbörse (Präsenzbörse + elektronisch)
  • Tradegate Exchange (besonders bei Privatanlegern beliebt)

Börsen sorgen für Transparenz (alle sehen die Preise), Liquidität (es gibt immer Käufer und Verkäufer) und Fairness (klare Handelsregeln).

Außerbörslicher Handel (OTC)

Nicht alle Wertpapiere werden an Börsen gehandelt. Im OTC-Handel (Over The Counter) werden Geschäfte direkt zwischen zwei Parteien abgeschlossen, oft über Plattformen wie Lang & Schwarz.

OTC-Handel findet auch außerhalb der regulären Börsenzeiten statt, zum Beispiel abends oder am Wochenende. Die Spreads (Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufspreis) können hier aber größer sein.

Der Weg deiner Order

Du drückst auf „Kaufen” — aber was passiert dann eigentlich hinter den Kulissen?

Broker

Dein Broker ist der Vermittler zwischen dir und dem Markt. Du gibst deine Order beim Broker auf, und der leitet sie an einen Handelsplatz weiter.

Bekannte Broker in Deutschland sind zum Beispiel Trade Republic, Scalable Capital, ING oder comdirect. Manche Broker leiten deine Order immer an denselben Handelsplatz (z.B. nur Tradegate), andere lassen dich wählen.

Das Orderbuch

An der Börse wird deine Order in ein Orderbuch eingetragen. Das Orderbuch zeigt:

  • Bid (Geld): Der höchste Preis, den jemand bereit ist zu zahlen
  • Ask (Brief): Der niedrigste Preis, zu dem jemand bereit ist zu verkaufen
  • Spread: Die Differenz zwischen Bid und Ask

Beispiel: Die TechStart-Aktie steht bei Bid 48,50 € / Ask 48,70 €. Der Spread beträgt 0,20 €.

  • Wenn du eine Market Order (Bestens-Order) aufgibst, kaufst du sofort zum besten verfügbaren Ask-Preis — also 48,70 €.
  • Wenn du eine Limit Order aufgibst (z.B. „Kaufe nur bis 48,60 €”), wird deine Order erst ausgeführt, wenn der Ask-Preis auf 48,60 € oder darunter fällt.

Market Maker

Nicht immer gibt es genug Käufer und Verkäufer, um einen flüssigen Handel zu gewährleisten. Hier kommen Market Maker ins Spiel.

Ein Market Maker stellt ständig Kauf- und Verkaufsangebote in das Orderbuch und verdient am Spread. Er sorgt dafür, dass du fast immer handeln kannst, auch wenn gerade kein anderer Privatanleger auf der Gegenseite steht.

Glossar

Aktie
Ein Anteil am Eigenkapital eines Unternehmens. Aktionäre sind Miteigentümer.
Anleihe
Ein Wertpapier, das einen Kredit verbrieft. Der Emittent verpflichtet sich zur Zinszahlung und Rückzahlung.
Primärmarkt
Der Markt, auf dem Wertpapiere zum ersten Mal ausgegeben und verkauft werden (Neuemission).
Sekundärmarkt
Der Markt, auf dem bereits ausgegebene Wertpapiere zwischen Anlegern gehandelt werden.
IPO (Initial Public Offering)
Der erstmalige Börsengang eines Unternehmens, bei dem Aktien öffentlich zum Kauf angeboten werden.
Emission
Die Ausgabe neuer Wertpapiere (Aktien oder Anleihen) auf dem Primärmarkt.
Kupon
Der Zinssatz einer Anleihe, der die jährliche Zinszahlung an den Gläubiger bestimmt.
Nennwert
Der Nominalwert einer Anleihe, der am Ende der Laufzeit zurückgezahlt wird (z.B. 1.000 €).
Broker
Ein Finanzdienstleister, der als Vermittler Kauf- und Verkaufsaufträge für Wertpapiere an Handelsplätze weiterleitet.
Orderbuch
Ein elektronisches Verzeichnis aller offenen Kauf- und Verkaufsaufträge an einer Börse.
Spread
Die Differenz zwischen dem höchsten Kaufangebot (Bid) und dem niedrigsten Verkaufsangebot (Ask).
Market Maker
Ein Marktteilnehmer, der ständig Kauf- und Verkaufspreise stellt, um Liquidität und Handelbarkeit sicherzustellen.
Bid (Geld)
Der höchste Preis, den ein Käufer bereit ist für ein Wertpapier zu zahlen.
Ask (Brief)
Der niedrigste Preis, zu dem ein Verkäufer bereit ist ein Wertpapier abzugeben.

Was heißt das für dich als Einsteiger?

Jetzt weißt du, dass hinter dem einfachen Klick in deiner App ein ganzes System steckt: Unternehmen geben Wertpapiere aus, Börsen organisieren den Handel, Broker leiten deine Aufträge weiter, und Market Maker sorgen dafür, dass immer jemand auf der anderen Seite steht.